„Nein,“ erwiderte ich, „das wußte ich nicht; wird denn ein Bettler frech, wenn wir die Gnade haben, ihm einmal fünfzig Heller zu schenken?!“

„Wir sind eben keine Bettler, Peter!“

„O doch!“ erwiderte ich, „Ihr stellt euch nur so, als ob ihr keine wäret! Aber ihr seid es!“

VENEZIANERINNEN

Alle Leute, die hier in Venedig ihr Geld unnütz ausgeben, schwärmen (als Gegengeschäft irgendwie muß doch ein Profit sein für die Reisespesen) für die alten Meister (Carpacchio und Bellini haben wenigstens einen Hauch unserer feinen, modernen Seele), für die alten Kirchen, die alten Palazzi. Aber zwei Dinge sind hier wichtiger: die blutroten, lilagrauen Sonnenuntergänge vom Lido aus, vis-a-vis Venedig, und die Volkstracht der Mädchen. Hier nämlich ist die soziale Frage ein wenig, und zwar genial-einfach, gelöst. Möge jemand die reizende junge Wienerin dazu bringen! Alle venezianischen Mädchen aus dem Volke tragen eine adelige, herrliche, einfache und kleidsame, billige Tracht. Keine unterscheidet sich von der andern, keine erregt Neid, Eifersucht, Begierde, Schadenfreude, üble Nachrede, Sehnsucht, Verzweiflung, böses Beispiel. Alle sind gleich angezogen, kleidsam, nobel, einfach, vornehm, billig. Schwarzer wollener Schal mit langen Fransen, schwarzer Rock, schwarze Strümpfe, schwarze Halbschuhe. Die reichen Damen werden nicht beneidet — niemand aus dem Volke würde so prunkhaft angetan sein wollen. Es ist eine ideale Trennung zwischen reich und arm. Der Arme ist besser, vornehmer, zarter angezogen. Ein Hohnlächeln für Paquin und Poiret! Heil unserer Hausindustrie! Niemand kann ein venezianisches Mädchen aus dem Volke betören mit Kleidern, Blusen, Schmuck. Was sie brauchen, haben sie. Man kann sie betören... mit Liebe. Aber das finden sie unter ihresgleichen. Der schwarze Schal verpflichtet zu vornehmer Haltung, zu Ernst und Würde. Es ist eine Art von kleiner Lösung der sozialen Frage. Auch kann man diese Mädchen nicht zu Soupers ködern, verleiten und dann „schwach“ machen durch Wein. Ihre Spaggetti, Zucchetti, Melanzani haben sie. Und ihren Chianti eventuell. Und ihre Ehre haben sie auch. Gehet schwarz, einfach, nobel und sehet nicht auf Die, die bunt gehen und überladen. Es ist wahrlich nichts zu beneiden an ihnen.

EIN LIED

Ganz Venedig war überschwemmt, musikalisch überschwemmt von einem Lied: „Valse brune“. Überall strömte es hervor, aus allen Gassen, es floß auf die weiten Plätze, rann in die Vergnügungslokale, sickerte in die Türspalten der armen Mädchen, tropfte von allen offenen Fenstern herab auf die Passanten, die es doch nicht benötigten, da sie es selbst, schlendernd oder in harte Arbeit gehend, vor sich hin trällerten. Es ist kein schlechtes Lied, nein, es ist süß und ein bißchen fade, und ich kann es mir ganz gut vorstellen, daß ein verliebtes Mädchen gerne ihre letzte Lire herschenkt, um es sich noch einmal vom Werkelmann vorspielen zu lassen oder von der Salonkapelle in „Folies Bergères“. Aber was ist dieses Lied gegen das Lied von 1913, das nun neu auftaucht wie ein mildes süßes Licht und alle zarten Melancholien der bescheidenen und enttäuschten oder sehnsuchtsvoll hoffenden Menschenseele enthält?!? Es heißt: „Fili doro“, von Buongiovanni! Dieses Lied, man kann es nicht oft genug hören! Es ist das Lied der italienischen Volksseele! Es ist die Königshymne des Volkes, es enthält seine Freude, seine Traurigkeit, seine Armut, seine Genügsamkeit und seinen Seelenadel! Überall strömt es nun statt „Valse brune“, das gestorben ist, hervor aus allen Gassen, es fließt auf die weiten Plätze, es rinnt in die Café chantants, es sickert aus den Türspalten der armen Mädchen mit den edlen, stolzen, einfachen, schwarzen Schals, es tropft von allen geöffneten Fenstern herab auf die Passanten, die es weiter tragen in die Arbeit oder an das blaue Meer. Es ist das Lied der Seele, es ist die Hymne des Volkes! „Fili doro“, von Buongiovanni!

VENEDIG

Ich hörte, seitdem ich da bin, man müsse vormittags ziellose Promenaden machen durch die Gäßchen und über die Plätze mit unbekannten Statuen, mit einem Worte: schlendern! Nun, nach vier Monaten, schlendere ich endlich, wie es geboten ist, durch die übelriechenden Gäßchen und über Plätze mit unbekannten, wenn auch unschönen Denkmälern. Ich ging an unzähligen Wurst- und Käsehandlungen vorbei, deren Duft mich nicht zum Verweilen lockte, während in den Gemüsehandlungen die lila Melanzani mich nicht sehr aufregten, da ich sie in Öl bereits für ungenießbar erschmeckt hatte. Auch Pomo d’ oro, die bei uns ganz schlicht Paradiesäpfel heißen, konnten mich nicht erschüttern, da es hier keine Speise gibt, in der oder neben der sie nicht die Speise selbst zu einer ungenießbaren gestalten. Es ist schwer, den edlen Paradiesapfel uns verhaßt zu machen, aber die italienischen Köche treffen es. Sie wollen ihn nicht kochen, sondern erlauben es sich in ihrer südlichen Leidenschaftlichkeit, ihn uns roh vorzusetzen, wodurch er unsre ehemalige freundliche Zuneigung einbüßt. Nun, weshalb so kritisch und boshaft sein in einem Lande, das uns geschnittene Kürbisse in Öl, Zucchetti darbietet, auf daß wir unsern Hunger daran stillen!? Die Namen der Speisen wären wert, von Moissi deklamiert zu werden in aufgeregten Mädchenschulen. Dort lebt man noch vom Klang! Wir Älteren, aber nicht mehr Düpierbaren, ziehen einen mürben Nierenbraten mit Niere phonetisch-kulinarischen Genüssen vor! Der Italiener ist genügsam: er begnügt sich, uns für teures Geld schlechte Ware zu liefern. Zucch-èti, Spagèti, Melanzáni et pòmo d’ ôrò!