VENEDIG

Maria Mazzucato ist das schönste Mädchen Venedigs. Sie ist Arbeiterin in einem ganz winzigen Modistengeschäft in der Merceria Capilleri. Sie hockt von früh bis abend und putzt Hüte auf für Damen, die alle zusammen nicht so schön sind wie sie. Sie ist eine ästhetische Vereinigung von Otéro, Grete Wiesenthal, Duse. Sie ist sechzehn Jahre alt und sehr schlank und sehr groß, also eine Vollkommenheit. Ich schrieb ihr eine Ansichtskarte (calme du soir): „Venise a été cet été une ville vraiment très intéressante et originale: elle a contenu la princesse de Terra Nova, Mitzi Thumb, et Maria Mazzucato! Les palazzi, mais mon Dieu, c’est mort, c’est enseveli! Et les vieux tableaux, mais, j’en préfère les jeunes et vivants!“

Maria Mazzucato hat mir ein Abschiedsgeschenk, zur Erinnerung, eine wunderschöne lederne Handtasche, refüsiert. Sie hat gesagt: „Zur Erinnerung?! Ich habe ja Ihre Ansichtskarte!“ Infolgedessen tauschte ich die Handtasche um gegen ein wunderbares gelbgeflecktes Schildkrotpapiermesser für meinen Schreibtisch. Wie gut, daß sie es refüsiert hat. Erstens wird sie Gewissensbisse haben und ein bißchen Reue, und ich, nun, ich habe ein schönes Papiermesser! Gestern schnitt ich damit auf: „Aage Madelung, Der Sterlett.“ Ich war wirklich ganz zufrieden mit dem schönen Papiermesser.

Am selben Abend sah ich in den „Folies Bergères“, einem ganz kleinen Chantant: La Eutimia. Sie war ganz jung, absolut tadellos gewachsen, gelber Teint und schwarze Haare. Sie sang mit tiefer süßer Stimme die herrlichen Lieder: „Fili doro, la retirata, Una sola volta, Marechiare.“ Nach der Vorstellung stellte sie sich in dem schmalen Gang auf und sagte zu jedem Herrn: „20 centesimi obligo!“ Ich gab ihr fünf Lire. Ich sagte zu ihr: „Darf ich Ihnen morgen eine schöne lederne Handtasche bringen?!“ „Gewiß, mein Herr, ich werde glücklich sein!“

Da nahm ich denn mein schönes Schildkrotpapiermesser und tauschte es wieder um gegen die schöne Handtasche. „Ah,“ sagte der Kommis, der mich bediente, „also hat die Handtasche doch der Dame besser gefallen?!“ „Ja!“ sagte ich, „sie hat es sich überlegt!“

ONKEL EMMERICH

Mein Onkel Emmerich hatte kein Herz. Er spekulierte und kaufte Kopien alter Bilder als echte, die sich dann später teilweise sogar als echte herausstellten. Endlich hatte er abgewirtschaftet. Wir Knaben saßen beim Nachtmahl am Abend des „ökonomischen Sedan im Hause Emmerich“, und mein Onkel bewies uns an der Hand von Silberers Sportzeitung, seiner Bibel, daß „Quick Vier“ am Sonntag das Rennen gewinnen müsse. Außerdem habe er private Tips erhalten aus dem Stall. Plötzlich sah er auf und bemerkte, daß Frau und Tochter leise weinten. „Wenn ich nur wüßte, weshalb jetzt diese Weiber platzen?!?“ sagte er. Natürlich platzten sie wegen des verlorenen Geldes. Wegen was platzen Weiber ernstlich?! Quick Vier gewann auch nicht, weder Quick noch Vier, sondern überhaupt nicht, und mein Onkel fuhr auf dem hohen Dache des englischen eleganten Sportomnibus (zehn Kronen der Sitz!) und mit demselben Rennglas bewaffnet, das auch Graf Niki Esterhazy hatte, ganz nachdenklich nach Hause. „Die Mitgift unserer armen Tochter!“ weinte unaufhörlich meine Tante. „Erziehe dein Kind so, daß sie keine Mitgift braucht!“ sagte mein Onkel. Als er seine Gemäldesammlung, wegen der er sein Leben lang von der Familie verhöhnt worden war, versteigert hatte, erwies es sich, daß sie wertvoller gewesen war als das ganze Geld, das er sonst verspekuliert hatte. Einen merkwürdigen Menschen nannte ihn von nun an die Familie, die ihn bisher einen Leichtsinnigen genannt hatte. Meine Tante aber sagte: „Emmerich, innerlich bist du ja doch ein guter Mensch!“

DAS LEBEN