WACHSFIGUREN
Lotte Prizzl, du feines, zartes, liebes, außergewöhnliches Fräulein, sei allerherzlichst bedankt für deine kleinen großen, nichtigen wichtigen, spielerisch tiefernsten Püppchen, in Wachs, Tüll und Seide! Wie Liliputgebilde sind sie, hervorgezaubert aus den Seelen bei E. T. A. Hoffmann, Beardsley, Maeterlinck, Altenberg! Zur Welt gebracht jedoch in unbeschreiblicher Seelen- und Körperzartheit von Lotte Prizzl! Diese Wachspüppchen sind aus der ganzen Edelkultur der Dame hervorgegangen, die sie verfertigt hat, also ihre echten Kunstkinder. Sie enthalten Träume, Sehnsuchten, Kindlichkeiten, Vornehmheiten, Melancholien. Man gewinnt sie lieb, besonders den Engel rechts mit den geschlossenen Augen, das Fräulein im schwarzen Trauerbettchen, den Mahadö, und eigentlich die meisten. In eine Kristallvitrine gehören sie, um einem einfachen Zimmer die Marke zu geben: Hier haust ein Jemand!
MEINE ANDERE SCHWESTER
Habe über meine Schwester, die Frau Hofrätin, noch nie etwas geschrieben. Und doch verdiente sie es, beschrieben zu werden. Sie hatte einst stets den Humor eines englischen oder amerikanischen Humoristen, wie Boz Dickens und Mark Twain, dabei tiefen Geist und unbeschreibliche Gutmütigkeit. Sie hatte wirklich goldene Haare, eine Elfengestalt. Sie versammelte von selbst, unwillkürlich, auf jedem Ball, die sogenannte Elite der Herrenwelt um sich herum, ganz um sich herum, hielt Cercle, und man lachte sich zu Tode, ganz ohne Courtoisie, obzwar man auch diese für sie hatte, über ihre schelmischen und dennoch gutmütigen Bemerkungen. Sie war eine fanatische Naturfreundin. Aber ebenso fanatisch liebte sie ihre französischen und ihre englischen Guvernanten. Jede Guvernante wurde ihr sogleich zu einem verehrungswürdigen, anbetungswürdigen Wesen, das zu kränken einfach eine Unmöglichkeit war. Mit vierzehn Jahren fand sie einen verlaufenen häßlichen schwarzen Hund auf der Straße, den sie „Lupus“ taufte und über den sie ein Tagebuch zu führen begann. „‚Lupus‘ sieht heute schlecht aus, 18. Juli vormittags, ich glaube, er hat einen Knochensplitter geschluckt. Das dürfte ihm die zarten Magenwände reizen.“
„11. August. ‚Lupus‘ wurde im Garten in einer Wassertonne ertränkt gefunden. Hoffentlich hat er nicht lange gelitten. Ich werde ihn nie vergessen.“ Fortsetzung des Tagebuches: „Der Hofmeister meiner Brüder wurde entlassen. Wenn jetzt noch Amelie Leutzinger, meine Guvernante, auch geht, dann habe ich niemand mehr!“ Später heiratete sie, und ihr zwölfjähriges Mäderl starb. Da schrieb sie in ihr ehemaliges, altes, unvollendetes Tagebuch: „Mit ‚Lupus‘ hat es begonnen, den man mir ertränkt hat! Und dann ist es so weiter gegangen, gradatim. Mein Bruder hat immer gesagt, ich hätte einen englisch-amerikanischen Clown-Humor. Den habe ich eingebüßt!“
Ich schreibe diesen Biografical essay nicht, um meiner Schwester ein Lob zu singen. Das hat sie in ihrer sozialen, ökonomischen usw. Position nicht nötig. Ich schreibe es, damit alle diese anderen faden, öden, geist- und humorlosen, herzlosen, ungezogenen Gänse sich nicht ewig so frech überheben und ruhig kuschen, wenn ihnen einer schon liebevoll zu fressen und zu kleiden gibt!
AUTOMNE
Es gibt viele Frauen, die es nicht vertragen, wenn man sie liebevoll und schwärmerisch behandelt. Sie haben recht. Wahrscheinlich halten sie den für einen ausgemachten Idioten, der solches tut. Sie kennen nämlich ihren Unwert und sind naturgemäß empört darüber, daß jemand sie für wertvoll hält. Lieber sind ihnen die, die sich nichts aus ihnen machen, aber hingegen dennoch — — —. Sie fürchten sich, den zu enttäuschen, der ihnen trotz allem seine ganze intelligente Zartheit widmet. „Wie kommt denn der Arme dazu, mich Mistviech so nett zu behandeln?!“ Das ist der Untergrund ihrer Stimmung, ihr Unbewußtes. Im Obergrund jedoch sind sie nur frech, dumm und ungezogen! Sie haben keine Ahnung von den Pflichten der barmherzigen Pflege eines an ihnen malheureuserweise seelisch Erkrankten, eigentlich geistig Erkrankten! Ihre ganze bodenlos dumme Roheit ergießt sich über den Starken, der einmal leider schwach wurde. Wie der Esel in der Fabel dem kranken Löwen einen Fußtritt versetzt! Es sollte heißen die Eselin!
„Sie dürfen mich nicht so sehr verwöhnen, Peter,“ sagte eine Dame zu mir, „wissen Sie denn nicht, daß wir da leicht frech werden?!“