„Ach, mir ist, die Sonne hätte schon lang nimmer so geschienen!“
Siebentes Kapitel
Nach Burkhardts Abreise überfiel den Maler ein wunderliches Gefühl des Alleinseins. Dieselbe Einsamkeit, in welcher er Jahre und Jahre gelebt und gegen die er sich in so langer Gewöhnung hart und beinahe unempfindlich gemacht hatte, überfiel ihn nun wie ein unbekannter, ganz neuer Feind und sank von allen Seiten erstickend über ihm zusammen. Zugleich fühlte er sich von seiner Familie, sogar von Pierre, mehr als jemals abgeschnitten. Er wußte es nicht, aber es kam davon her, daß er zum erstenmal über diese Verhältnisse sich ausgesprochen hatte.
In manchen Stunden lernte er sogar das unselige, demütigende Gefühl der Langeweile kennen. Bisher hatte Veraguth das unnatürliche, aber konsequente Leben eines freiwillig Eingemauerten geführt, den das Leben nicht mehr interessiert und dessen Dasein mehr ein Ertragen als ein Erleben war. Der Freundesbesuch hatte Löcher in diese Klause geschlagen, durch hundert Ritzen blitzte und klang, duftete und tastete das Leben zu dem Vereinsamten herein, ein alter Zauber war gebrochen und der Erwachende empfand jeden Ruf von draußen überstark mit halbem Schmerz.
Wütend stürzte er sich in die Arbeit, er fing fast gleichzeitig zwei große Kompositionen an, er begann den Tag früh bei Sonnenaufgang mit einem kalten Bade, arbeitete ohne Pause bis zum Mittag, hielt sich dann nach kurzer Rast mit Kaffee und Zigarre munter und erwachte zuweilen in der Nacht an Herzklopfen oder Kopfschmerz. Aber wie sehr er sich zwang und gewaltsam einspann, es blieb in seinem Bewußtsein unter dünnem Schleier immerzu die Kunde lebendig und gegenwärtig, daß eine Türe offen stehe und daß zu jeder Zeit ein rascher Schritt ihn in die Freiheit bringen könne.
Er dachte nicht darüber nach, er betäubte alle Gedanken in fortwährender Anstrengung. Das Gefühl, in dem er lebte, war das: Du kannst zu jeder Stunde gehen, die Tür steht offen, die Fesseln sind zu brechen – aber es kostet einen harten Entschluß und ein schweres, schweres Opfer – darum nicht daran denken, nur nicht daran denken! Jener Entschluß, den Burkhardt von ihm erwartete und zu dem vielleicht seine eigene Natur sich heimlich schon bekannt hatte, saß in seiner Seele wie die Kugel im Fleisch eines Verwundeten; es war nur die Frage, würde sie sich eiternd herausarbeiten oder würde sie eingekapselt drinnen festwachsen. Es schwärte und tat weh, aber noch nicht weh genug; noch war der Schmerz zu groß, den er von dem geforderten Opfer befürchtete. So tat er nichts, ließ die heimliche Wunde brennen und fühlte im stillen eine verzweifelte Neugierde, wie das alles ausgehen werde.
Mitten in dieser Bedrängnis malte er ein großes Figurenbild, mit dessen Plan er lang gegangen war und das ihn jetzt plötzlich heftig reizte. Der Gedanke dazu war manche Jahre alt, er hatte einst Freude an ihm gehabt, bis er ihm immer leerer und allegorischer erschienen und ganz zuwider geworden war. Nun aber war das Bild ihm ganz und gar sichtbar geworden und er begann die Arbeit rein aus der Frische der Vision, ohne die Allegorie mehr zu empfinden.
Es waren drei lebensgroße Figuren: ein Mann und ein Weib, jeder für sich versunken und dem andern fremd, und zwischen ihnen spielend ein Kind, stillfroh und ohne Ahnung der über ihm lastenden Wolke. Die persönliche Bedeutung war klar, doch glich weder die Männerfigur dem Maler, noch das Weib seiner Frau, nur das Kind war Pierre, doch um einige Jahre jünger dargestellt. Dieses Kind malte er mit allem Reiz und aller Noblesse seiner besten Bildnisse, die Figuren zu beiden Seiten saßen in starrer Symmetrie, strenge, leidvolle Bilder der Einsamkeit, der Mann mit in die Hand gestütztem Haupt einem schweren Grübeln hingegeben, die Frau in Leid und leere Dumpfheit verloren.
Der Diener Robert hatte keine angenehmen Tage. Herr Veraguth war sonderbar nervös geworden. Er konnte es nicht vertragen, daß im Nebenzimmer das kleinste Geräusch war, wenn er arbeitete.
Die heimliche Hoffnung, die seit Burkhardts Besuch in Veraguth lebendig geworden war, saß wie ein Feuer in seiner Brust, brannte aller Unterdrückung zum Trotz weiter und färbte nachts seine Träume mit lockendem und erregendem Licht. Er wollte nicht auf sie hören, er wollte nichts von ihr wissen, er wollte nichts als arbeiten und Ruhe im Herzen haben. Und er fand die Ruhe nicht, er fühlte das Eis seines freudlosen Daseins schmelzen und alle Grundfesten seiner Existenz ins Wanken geraten, er sah in Träumen sein Atelier verschlossen und ausgeräumt, er sah seine Frau von ihm fort reisen, aber sie hatte Pierre mit sich genommen und der Knabe streckte die dünnen Arme nach ihm aus. Am Abend saß er manchmal in seinem unbehaglichen Wohnzimmerchen Stunde um Stunde allein, in den Anblick der indischen Photographien vertieft, bis er sie von sich schob und die ermüdeten Augen schloß.