Zwei Mächte kämpften in ihm einen harten Kampf, aber die Hoffnung war stärker. Immer wieder mußte er sich seine Gespräche mit Otto wiederholen, immer wärmer stiegen alle unterdrückten Wünsche und Bedürfnisse seiner kräftigen Natur aus der Tiefe hervor, wo sie so lange gefangen und erfroren gelegen waren, und diesem Empordrängen und frühlinghaften Erwarmen hielt der alte Wahn nicht stand, der kranke Wahn, er sei ein alter Mann und habe nichts mehr zu tun als das Leben zu ertragen. Die tiefe, mächtige Hypnose der Resignation war unterbrochen worden, und durch die Lücke drangen die unbewußten triebhaften Kräfte eines lang gebändigten und betrogenen Lebens schwärmend ein.

Je klarer diese Stimmen erklangen, desto ängstlicher zuckte des Malers Bewußtsein in der schmerzlichen Furcht vor dem letzten Erwachen. Immer wieder tat er krampfhaft die geblendeten Augen zu und sträubte sich, in allen Fasern fiebernd, gegen das notwendige Opfer.

Johann Veraguth zeigte sich selten im Hause drüben, er ließ sich fast alle Mahlzeiten ins Atelier bringen und brachte die Abende häufig in der Stadt zu. Traf er aber mit seiner Frau oder mit Albert zusammen, so war er still und milde und schien alle Feindlichkeit vergessen zu haben.

Um Pierre schien er sich wenig zu kümmern. Sonst hatte er den Kleinen mindestens einmal am Tage zu sich gelockt und bei sich gehabt oder war mit ihm im Garten gewesen. Jetzt konnten Tage vergehen, ohne daß er das Kind sah oder nach ihm verlangte. Lief ihm der Knabe in den Weg, so küßte er ihn nachdenklich auf die Stirn, sah ihm mit trauriger Zerstreutheit in die Augen und ging seines Weges.

Einmal kam Veraguth am Nachmittag in den Kastaniengarten herüber, es war lau und windig und ein warmer Regen sprühte in winzigen Tropfen schräg herab. Vom Hause klang aus offenen Fenstern Musik. Der Maler blieb stehen und hörte zu. Er kannte das Stück nicht. Es klang rein und ernsthaft in einer sehr strengen, wohlgebauten und abgewogenen Schönheit, und Veraguth lauschte mit nachdenklicher Freude. Sonderbar, eigentlich war das eine Musik für alte Leute, sie klang so schonend und männlich und hatte so gar nichts von dem bacchischen Taumel jener Musik, die er selber einst in Jugendzeiten über alles geliebt hatte.

Still trat er ins Haus, stieg die Treppe empor und erschien ungemeldet lautlos im Musikzimmer, wo nur Frau Adele sein Kommen bemerkte. Albert spielte und seine Mutter stand zuhörend beim Flügel. Veraguth setzte sich auf den nächsten Sessel, senkte den Kopf und verharrte lauschend. Zwischenein blickte er auf und ließ den Blick auf seiner Frau ruhen. Sie war hier zu Hause, sie hatte in diesen Zimmern stille, enttäuschte Jahre gelebt wie er in der Werkstatt drüben am See, aber sie hatte Albert gehabt, sie war mit ihm gegangen und gewachsen, und nun war der Sohn ihr Gast und Freund und bei ihr zu Hause. Frau Adele war etwas gealtert, sie hatte gelernt still zu sein und sich zu begnügen, ihr Blick war fest und ihr Mund etwas trocken geworden; aber sie war nicht entwurzelt, sie stand sicher in ihrer eigenen Atmosphäre, und ihre Luft war es, in der die Söhne aufwuchsen. Sie hatte wenig Überschwang und nicht allzuviel impulsive Zärtlichkeit zu geben, es fehlte ihr fast alles, was ihr Mann einst an ihr gesucht und von ihr erhofft hatte, aber es war Heimat um sie her, es war Art und Charakter in ihrem Gesicht, in ihrem Wesen, in ihren Räumen, es war hier ein Boden, in welchem Kinder aufwachsen und dankbar gedeihen konnten.

Veraguth nickte wie befriedigt. Hier war niemand, der etwas verlieren konnte, wenn er für immer verschwand. Er war in diesem Hause entbehrlich. Er würde immer wieder und überall in der Welt ein Atelier bauen können und sich mit Tätigkeit und Arbeitsglut umgeben, nur würde es nie eine Heimat werden. Er hatte das eigentlich lange gewußt, und es war gut so.

Nun hörte Albert auf zu spielen. Er fühlte, oder er sah es am Blick der Mutter, daß jemand ins Zimmer gekommen sei. Er wandte sich um und sah den Vater erstaunt und mißtrauisch an.

„Guten Tag,“ sagte Veraguth.

„Guten Tag,“ antwortete der Sohn verlegen und begann sich am Notenschrank zu beschäftigen.