„O ja. Wenn ich ein Automobil habe, dann fahre ich nach Wien und nach Luzern und an die Nordsee und nach Indien, da wo dein Haus ist. Bist du dann auch zu Hause?“

„Gewiß, Pierre. Ich bin immer zu Hause, wenn Gäste zu mir kommen. Dann gehen wir zu meinem Affen, der heißt Pendek und hat keinen Schwanz, aber einen schneeweißen Backenbart, und dann nehmen wir Flinten und fahren im Boot auf dem Fluß und schießen ein Krokodil.“

Pierre wiegte voll Vergnügen seinen schlanken Oberkörper hin und her. Der Onkel aber erzählte weiter von seiner Rodung im malaiischen Urwald, und er sprach so hübsch und so lange, daß der Kleine schließlich müde wurde und nimmer folgen konnte. Er studierte zerstreut an seiner Karte weiter, sein Vater aber hörte desto aufmerksamer auf den eifrig plaudernden Freund, der in lässigem Behagen von Arbeit und Jagd, von Ausflügen auf Pferden und in Booten, von hübschen leichten Kulidörfern aus Bambusrohr und von Affen, Reihern, Adlern, Schmetterlingen berichtete und sein stilles, weltfremdes, tropisches Waldleben so verführerisch und heimlich auftat, daß es dem Maler schien, er sähe durch einen Spalt in ein reiches, farbenschönes, seliges Paradiesland hinein. Er hörte von stillen, großen Strömen im Urwald, von baumhohen Farnwildnissen und weiten wehenden Ebenen voll von mannshohem Lalanggras, er hörte von farbigen Abenden am Meeresufer, den Koralleninseln und blauen Vulkanen gegenüber, von wilden, rasenden Regenstürzen und flammenden Gewittern, von träumerisch beschaulichem Hindämmern heißer Tage auf den breiten, schattigen Veranden der weißen Pflanzerhäuser, vom Gewühl chinesischer Stadtstraßen und von abendlichen Ruhestunden der Malaien am flachen, steinernen Teich vor der Moschee.

Wieder, wie früher schon manchesmal, erging sich Veraguths Phantasie in der fernen Heimat seines Freundes, und er wußte nicht, wie sehr die Verlockung und stille Lüsternheit seiner Seele den verborgenen Absichten Burkhardts entgegenkam. Es war nicht allein der Schimmer tropischer Meere und Inselküsten, der Reichtum der Wälder und Ströme, die Farbigkeit halbnackter Naturvölker, die ihm Sehnsucht schuf und ihn mit Bildern berückte. Es war noch mehr die Ferne und Stille einer Welt, in der seine Leiden, Sorgen, Kämpfe und Entbehrungen fremd und fern und blaß werden mußten, wo hundert kleine tägliche Lasten von der Seele fallen und eine neue, noch reine, schuldlose, leidlose Atmosphäre ihn aufnehmen würde.

Der Nachmittag verging, die Schatten wanderten. Pierre war längst weggelaufen, Burkhardt allmählich still geworden und endlich eingenickt, das Bild aber war nahezu fertig und der Maler schloß eine Weile die ermüdeten Augen, ließ die Hände sinken und atmete minutenlang mit beinahe schmerzlicher Inbrunst die tiefe sonnige Stille der Stunde, die Nähe des Freundes, die beruhigte Ermüdung nach einer geglückten Arbeit und die Hingenommenheit der erschlafften Nerven. Das war, neben dem Rausch des Zugreifens und schonungslosen Arbeitens, seit langem wohl sein tiefster und tröstlichster Genuß, diese milden Augenblicke müder Entspannung, ähnlich den ruhevoll vegetativen Dämmerzuständen zwischen Schlaf und Erwachen.

Er stand leise auf, um Burkhardt nicht zu wecken, und trug die Leinwand vorsichtig in das Atelier. Dort legte er den leinenen Malrock ab, wusch die Hände und badete die leicht überanstrengten Augen in kaltem Wasser. Eine Viertelstunde später stand er wieder draußen, blickte dem schlummernden Gast einen Moment prüfend ins Gesicht und weckte ihn dann durch den alten Pfiff, den sie schon vor fünfundzwanzig Jahren untereinander als Geheimsignal und Erkennungszeichen eingeführt hatten.

„Falls du ausgeschlafen hast, Junge,“ bat er ermunternd, „könntest du mir jetzt noch ein bißchen von drüben erzählen, ich konnte während der Arbeit nur halb zuhören. Du sagtest auch etwas von Photographien; hast du die bei dir und können wir sie ansehen?“

„Gewiß können wir das, komm nur mit!“

Auf diese Stunde hatte Otto Burkhardt seit mehreren Tagen gewartet. Es war seit vielen Jahren sein Wunsch, Veraguth einmal mit sich nach Ostasien zu locken und ihn eine Weile drüben bei sich zu haben. Diesmal, da es ihm die letzte Gelegenheit zu sein schien, hatte er sich mit der durchdachtesten Planmäßigkeit darauf vorbereitet. Als die beiden Männer in Burkhardts Zimmer beisammen saßen und im abendlichen Licht über Indien plauderten, zog er immer neue Albume und Mappen mit Photographien aus seinem Koffer. Der Maler war über die Fülle entzückt und erstaunt, Burkhardt blieb ruhig und schien allen den Blättern keinen besonderen Wert beizulegen, und doch wartete er heimlich auf ihre Wirkung mit der heftigsten Spannung.

„Was für schöne Aufnahmen das sind!“ rief Veraguth in hellem Vergnügen. „Hast du die alle selber gemacht?“