„Du warst nicht verliebt genug, Johann. Für mich war Meta herrlich, meinetwegen hätte sie Eulalia heißen können, ich wäre doch für einen Blick von ihr durchs Feuer gegangen.“
„O, auch ich war verliebt genug. Einmal, als ich von unserem Fünfuhrausgang heimkam – ich hatte mich absichtlich verspätet, ich war allein und dachte an nichts in der Welt als an Meta, und es war mir vollkommen gleichgültig, daß ich beim Zurückkommen bestraft werden würde – da kam sie mir entgegen, dort bei der runden Mauer. Sie hatte eine Freundin am Arm, und da ich so plötzlich mir vorstellen mußte, wie es wäre, wenn statt dem blöden Ding ich ihren Arm in meinem und sie so nahe an mir hätte, da wurde ich so schwindlig und verwirrt, daß ich eine Weile stehen blieb und mich an die Mauer lehnte, und als ich schließlich heimkam, war richtig das Tor schon geschlossen, ich mußte läuten und bekam eine Stunde Arrest.“
Burkhardt lächelte und dachte daran, wie sie beide schon mehrmals bei ihren seltenen Zusammenkünften sich jener Meta erinnert hatten. Damals in der Jünglingszeit hatte einer dem andern seine Liebe mit List und Sorgfalt verschwiegen, und erst nach Jahren, als Männer, hatten sie gelegentlich den Schleier gelüftet und ihre kleinen Erlebnisse ausgetauscht. Und doch gab es heute noch in dieser Sache Geheimnisse. Otto Burkhardt mußte eben jetzt daran denken, daß er damals monatelang einen Handschuh von Meta besessen und verehrt, den er gefunden oder eigentlich gestohlen hatte und von dem sein Freund bis heute nichts wußte. Er überlegte, ob er nun auch diese Geschichte preisgeben solle, und schließlich lächelte er listig und schwieg und fand es hübsch, diese kleine letzte Erinnerung auch weiterhin in sich verschlossen zu halten.
Drittes Kapitel
Burkhardt saß in einem gelben Korbsessel bequem zurückgelehnt, den großen Panamahut auf dem Hinterkopf, eine Zeitschrift in den Händen, rauchend und lesend in der hell von der Sonne durchschienenen Laube an der Westseite des Atelierhauses, und nahe dabei hockte Veraguth auf einem niedrigen Klappstühlchen und hatte die Staffelei vor sich. Die Figur des Lesenden war aufgezeichnet, die großen Farbflecken standen fest, nun malte er am Gesicht und das ganze Bild frohlockte in hellen, leichten, durchsonnten, doch maßvollen Tönen. Es roch würzig nach Ölfarbe und Havannarauch, Vögel taten verborgen im Laub ihre dünnen, mittäglich gedämpften Schreie und sangen schläfrig-träumerische Plaudertöne. Am Boden kauerte Pierre mit einer großen Landkarte, auf der sein dünner Zeigefinger nachdenkliche Reisen betrieb.
„Nicht einschlafen!“ schrie der Maler mahnend.
Burkhardt blinzelte ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.
„Wo bist du jetzt, Pierre?“ fragte er den Knaben.
„Warte, ich muß erst lesen,“ gab Pierre eifrig Antwort, und buchstabierte auf seiner Karte einen Namen heraus. „In Lu – in Luz – Luz – in Luzern. Da ist ein See oder ein Meer. Ist der größer als unser See, Onkel?“
„Viel größer! zwanzigmal größer! Du mußt einmal hingehen.“