„Zum Teil, ja,“ sagte Burkhardt trocken, „manche sind auch von meinen Bekannten draußen. Ich wollte dir nur einmal eine Ahnung davon geben, wie es bei uns etwa aussieht.“
Er sagte es obenhin und legte die Blätter gleichmütig zu Stößen, und Veraguth konnte nicht ahnen, wie sorglich und mühsam er diese Sammlung zustande gebracht hatte. Er hatte viele Wochen lang einen jungen englischen Photographen aus Singapore und später einen Japaner aus Bangkok bei sich gehabt, und sie hatten vom Meer bis in die tiefsten Wälder hinein auf vielen Ausflügen und kleinen Reisen alles aufgesucht und photographiert, was irgend schön und bemerkenswert schien, schließlich waren die Bilder mit der äußersten Sorgfalt entwickelt und kopiert worden. Sie waren Burkhardts Köder, und er sah mit tiefer Erregung zu, wie sein Freund anbiß und sich festsog. Er zeigte Bilder von Häusern, Straßen, Dörfern, Tempeln, Bilder von fabelhaften Batuhöhlen bei Kuala-Lumpur und der wildschönen, brüchigen Kalk- und Marmorberge in der Gegend von Ipoh, und als Veraguth zwischenein fragte, ob nicht auch Aufnahmen von Eingeborenen dabei seien, kramte er Bilder von Malaien, Chinesen, Tamilen, Arabern, Javanern hervor, nackte athletische Hafenkuli, dürre alte Fischer, Jäger, Bauern, Weber, Händler, schöne goldgeschmückte Weiber, dunkle nackte Kindergruppen, Fischer mit Netzen, Sakeys mit Ohrringen, welche die Nasenflöte spielten, und javanische Tänzerinnen in starrendem Silberschmuck. Er hatte Aufnahmen von allen Palmenarten, von großblättrigen saftigen Pisangbäumen, von Urwaldwinkeln mit tausendfältigem Schlinggewächse, von heiligen Tempelhainen und Schildkrötenteichen, von Wasserbüffeln in nassen Reisfeldern, von zahmen Elefanten bei der Arbeit und von wilden, die im Wasser spielten und trompetende Rüssel gen Himmel streckten.
Der Maler nahm Bild für Bild in die Hand. Viele schob er nach einem kurzen Blick beiseite, manche legte er vergleichend nebeneinander, einzelne Figuren und Köpfe betrachtete er scharf durch die hohle Hand. Er fragte bei vielen Aufnahmen, um welche Tageszeit sie gemacht seien, er maß Schatten aus und versank immer tiefer in ein grüblerisches Anschauen.
„Man könnte das alles malen,“ murmelte er einmal abwesend vor sich hin.
„Genug!“ rief er schließlich aufatmend. „Du mußt mir noch eine Menge erzählen. Es ist herrlich, dich hier zu haben! Ich sehe alles wieder ganz anders. Komm, wir gehen noch eine Stunde spazieren, ich will dir etwas Hübsches zeigen.“
Angeregt und von aller Müdigkeit befreit zog er Burkhardt mit sich und spazierte mit ihm eine Strecke auf der Landstraße feldeinwärts, heimkehrenden Heuwagen entgegen. Er atmete den warmen satten Heugeruch mit Wonne ein, dabei flog eine Erinnerung ihn an.
„Erinnerst du dich,“ fragte er lachend, „an den Sommer nach meinem ersten Akademiesemester, wie wir miteinander auf dem Lande waren? Da malte ich Heu, nichts als lauter Heu, weißt du noch? Ich hatte mich zwei Wochen lang abgemüht, ein paar Heuhaufen auf einer Bergwiese zu malen, und es ging und ging nicht, ich brachte die Farbe nicht heraus, das stumpfe matte Heugrau! Und als ich es schließlich doch hatte – es war noch nicht übermäßig delikat, aber ich wußte nun, daß es aus Rot und Grün gemischt sein mußte – da war ich so froh, daß ich nichts mehr sah als lauter Heu. Ach, das ist schön, so ein erstes Probieren und Suchen und Finden!“
„Ich denke, man lernt nie aus,“ meinte Otto.
„Natürlich nicht. Aber die Sachen, die mich jetzt plagen, die haben nichts mit der Technik zu tun. Weißt du, seit ein paar Jahren passiert es mir immer häufiger, daß ich bei irgendeinem Anblick plötzlich an meine Knabenzeit denken muß. Damals sah alles anders aus, und etwas davon möchte ich einmal malen können. Für ein paar Minuten habe ich es manchmal wiedergefunden, daß plötzlich alles den sonderbaren Schimmer wieder hat – aber das reicht noch nicht. Wir haben so viele gute Maler, feine, delikate Leute, die die Welt so malen, wie ein kluger, feiner, bescheidener alter Herr sie sieht. Aber wir haben keinen, der sie malt, wie ein frischer, herrschsüchtiger, rassiger Bub sie sieht, oder die, die es so versuchen, sind meistens schlechte Handwerker.“
Er riß in Gedanken verloren eine rötlich blaue Skabiose am Feldrande ab und starrte sie an.