„Doch, manchmal schon. Du verstehst mich gar nicht! Natürlich möchte ich manchmal im Gras herumliegen, oder im Heu, oder über die Pfützen wegspringen oder auf einen Ast klettern. Das ist doch klar. Aber wenn ich einmal wild gewesen bin und ein bißchen getobt habe, dann möchte ich nicht gescholten werden. Ich möchte dann bloß ganz still in mein Zimmer gehen und reine, frische Kleider anlegen, und dann wäre es wieder gut. – Weißt du, Robert, ich glaube wirklich, das Schelten hat gar keinen Wert.“
„Das könnte dir passen, gelt? Warum denn?“
„Ja, sieh: wenn man etwas getan hat, was nicht recht ist, dann weiß man es gleich nachher doch selber und schämt sich. Wenn ich gescholten werde, schäme ich mich viel weniger. Und manchmal wird man doch auch gescholten, wenn man gar nichts Schlimmes getan hat, bloß weil man nicht gleich da war, wenn jemand rief, oder weil Mama gerade ärgerlich ist.“
„Du mußt es ineinander rechnen, mein Junge,“ lachte Robert, „dafür tust du gewiß nicht wenig Schlimmes, was niemand sieht und wofür niemand dich schilt.“
Pierre gab keine Antwort. Es war immer dasselbe. Wenn man sich einmal hinreißen ließ, mit einem Erwachsenen über etwas zu reden, was einem wirklich wichtig war, dann endete es immer mit einer Enttäuschung oder gar mit einer Demütigung.
„Ich möchte das Bild noch einmal sehen,“ sagte er in einem Ton, der ihn plötzlich von dem Diener weit entfernte und den Robert ebensowohl für herrisch wie für bittend halten konnte. „Gelt, laß mich noch einen Augenblick hinein.“
Robert gehorchte. Er schloß die Ateliertüre auf, ließ Pierre eintreten und kam selber mit, denn es war ihm streng verboten, irgend jemand allein hier drinnen zu lassen.
Auf der Staffelei in der Mitte des großen Raumes stand ins Licht gerückt und in einen provisorischen Goldrahmen gepaßt das neue Bild Veraguths. Pierre stellte sich davor auf. Robert blieb hinter ihm stehen.
„Gefällt es dir, Robert?“
„Natürlich gefällt’s mir. Da müßte ich ja ein Narr sein!“