Veraguth trat gehorsam beiseite.
„Es ist nur Terpentin, mein Junge. Papa hat sich noch gar nicht gewaschen, weil er gleich nach dir sehen wollte. Nun geh ich gleich und kleide mich um, dann komme ich wieder zu dir. Ist’s so recht?“
Er ging und nahm unterwegs das Bild mit sich, und die klagende Stimme des Kleinen klang in ihm nach.
Bei Tische ließ er sich berichten, was der Arzt gesagt habe, und hörte mit Freude, daß Pierre gegessen und nicht wieder erbrochen habe. Doch blieb er erregt und unsicher und quälte sich ab, um ein Gespräch mit Albert in Gang zu halten.
Danach saß er eine halbe Stunde an Pierres Bett, der ruhig lag und nur zuweilen wie in Schmerzen nach der Stirne griff. Er betrachtete mit angstvoller Liebe den schmalen Mund, der krank und schlaff aussah, und die hübsche helle Stirn, die jetzt zwischen den Augen eine kleine senkrechte Falte trug, eine krankhafte, aber kindlich weiche und bewegliche Falte, die wieder ganz verschwinden würde, wenn Pierre wieder gesund wäre. Und gesund sollte er wieder werden – auch wenn es dann doppelt weh tun würde, fortzugehen und ihn zu verlassen. Er sollte in seiner Feinheit und hellen Knabenschönheit weiter wachsen und wie eine Blume in der Sonne atmen, auch wenn er ihn nimmer sähe und ihm Lebewohl gesagt hätte. Er sollte gesund und ein schöner, sonniger Mensch werden, in dem von seines Vaters Wesen das Zarteste und Reinste weiterlebte.
Während er am Bett des Kindes saß, begann er zu ahnen, wieviel Bitteres ihm noch auszukosten bleibe, bis dies alles hinter ihm läge. Seine Lippen zuckten und sein Herz wehrte sich gegen den Stachel, aber er fühlte tief unter allem Leid und aller Furcht seinen Entschluß hart und unzerstörbar stehen. Das war in Ordnung, daran rührte kein Schmerz und keine Liebe mehr. Aber es lag ihm noch ob, diese letzte Zeit zu erleben und sich keinem Leide zu entziehen, und er war bereit, den Becher ganz auszutrinken, denn er fühlte seit diesen paar Tagen untrüglich, daß nur durch dieses dunkle Tor für ihn ein Weg zum Leben führte. Wenn er jetzt feig war, wenn er jetzt entfloh und sich Weh ersparte, so nahm er Schlamm und Gift mit sich hinüber und kam nie in die reine, heilige Freiheit, nach der ihn verlangte und für die er jede Qual zu leiden willig war.
Nun, vor allem mußte er mit dem Doktor reden. Er stand auf, nickte Pierre zärtlich zu und ging hinaus. Es kam ihm der Einfall, sich von Albert fahren zu lassen, und er suchte dessen Zimmer auf, zum erstenmal in diesem Sommer. Kräftig pochte er an die Türe.
„Herein!“
Albert saß lesend beim Fenster. Er stand eilig auf und kam dem Vater überrascht entgegen.
„Ich habe eine kleine Bitte an dich, Albert. Könntest du mich rasch mit dem Wagen in die Stadt bringen? – Ja? Das ist hübsch. Also sei so gut und hilf gleich einspannen, ich bin ein wenig eilig. Nimmst du eine Zigarette?“