„Von wem?“

„Vom Herrn Sanitätsrat. Er hat um zehn Uhr nach Ihnen gefragt; aber er sagte, ich dürfe Sie nicht von der Arbeit wegholen.“

„Es ist gut. Vorwärts!“

Der Diener lief mit Rucksack, Feldstuhl und Staffelei voraus, Veraguth blieb stehen und öffnete mit einer Ahnung unangenehmer Nachrichten das Briefchen. Es lag nur des Sanitätsrats Karte darin mit der flüchtig und undeutlich gekritzelten Bleistiftnotiz: „Bitte kommen Sie nachmittags zu mir, ich möchte wegen Pierre mit Ihnen sprechen. Sein Unwohlsein ist weniger unbedenklich, als ich Ihrer Frau sagen wollte. Schrecken Sie sie nicht mit unnützen Besorgnissen, ehe wir uns gesprochen haben.“

Er zwang gewaltsam den Schrecken nieder, der ihm den Atem nehmen wollte, er blieb in gezwungener Ruhe stehen und las den Zettel noch zweimal mit Aufmerksamkeit durch. „Weniger unbedenklich, als ich Ihrer Frau sagen wollte!“ Da saß der Feind. Seine Frau war keineswegs so gebrechlich oder so nervös, daß man einer Kleinigkeit wegen solche Rücksicht auf sie nehmen mußte. Es war also schlimm, es war gefährlich, Pierre konnte sterben! Aber da stand wieder „Unwohlsein“, das klang so harmlos. Und dann „unnütze Besorgnisse“! Nein, ganz schlimm war es jedenfalls nicht. Vielleicht etwas Ansteckendes, eine Kinderkrankheit. Vielleicht wünschte der Arzt, ihn zu isolieren, ihn in eine Klinik zu tun?

Er sann und wurde ruhiger. Langsam ging er den Hügel hinab und den heißen Feldweg heimwärts. Jedenfalls wollte er tun, was der Arzt verlangte, und seine Frau nichts merken lassen.

Zu Hause übernahm ihn dann doch die Ungeduld. Noch ehe er sein Bild verwahrt und sich gewaschen hatte, lief er ins Haus – das nasse Bild lehnte er im Treppenhaus an die Wand – und trat leise in Pierres Stübchen. Seine Frau war drinnen.

Er bückte sich zu dem Knaben hinab und küßte ihn aufs Haar.

„Guten Tag, Pierre. Wie geht’s?“

Pierre lächelte schwach. Gleich darauf begann er mit zitternden Nüstern zu schnüffeln und rief: „Nein, nein, geh weg! Du riechst so schlecht!“