„Ja, danke. Nun will ich gleich nach den Pferden sehen.“
Bald saßen sie im Wagen, Albert kutschierend auf dem Bock, und als Veraguth an einer Straßenecke in der Stadt ihn halten ließ und sich verabschiedete, sagte er noch ein anerkennendes Wort zu ihm.
„Danke schön. Du hast Fortschritte gemacht und hast die Gäule jetzt sehr gut in der Hand. Nun adieu, ich gehe später zu Fuß zurück.“
Er ging rasch auf der heißen Stadtstraße hinweg. Der Sanitätsrat wohnte in einer stillen, vornehmen Gegend, es war um diese Tageszeit kaum ein Mensch dort unterwegs. Ein Sprengwagen fuhr schläfrig dahin und zwei kleine Knaben liefen hinterher, hielten die Hände in den dünnen Tropfenregen und spritzten einander lachend in die erhitzten Gesichter. Aus einem offenen Parterrefenster klang das gelangweilte Klavierspiel eines übenden Schülers. Veraguth hatte stets eine tiefe Abneigung gegen unbelebte Stadtstraßen gehabt, zumal im Sommer, sie erinnerten ihn an junge Jahre, wo er in solchen Straßen in wohlfeilen langweiligen Zimmern gewohnt hatte, mit Kaffee- und Küchengeruch auf den Treppen und mit dem Blick auf Dachfenster, Teppichklopfständer und reizlose, lächerlich kleine Gärten.
Es empfing ihn im Korridor zwischen großen goldgerahmten Bildern und großen Teppichen ein diskreter Arztgeruch, und ein junges Mädchen in der langen schneeweißen Krankenpflegerinnenschürze nahm ihm seine Karte ab. Sie führte ihn erst ins Wartezimmer, wo mehrere Frauen und ein junger Mann still und gedrückt auf Plüschsesseln saßen und in Zeitschriften starrten, dann brachte sie ihn auf seine Bitte in einen anderen Raum, wo in großen verschnürten Bündeln viele Jahrgänge eines medizinischen Fachblattes gestapelt standen und wo er sich kaum ein wenig umgesehen hatte, als das Mädchen schon wieder eintrat und ihn zum Sanitätsrat führte.
Da saß er nun in einem großen Lederstuhl inmitten blitzender Sauberkeit und Zweckmäßigkeit, und gegenüber am Schreibtisch saß klein und stramm der Arzt; es war still in dem hohen Zimmer, nur eine kleine blanke Stehuhr aus Glas und Messing schritt hellklingend ihren taktfesten spitzen Gang.
„Ja, Ihr Junge gefällt mir nicht recht, lieber Meister. Haben Sie nicht schon längere Zeit Störungen an ihm bemerkt, ich meine zum Beispiel Kopfweh, Müdigkeit, Unlust zum Spielen und dergleichen? – Erst in der allerletzten Zeit? Und war er schon länger so empfindlich? Gegen Lärm und helles Licht? Gegen Gerüche? – So? Er mochte den Farbengeruch im Atelier nicht leiden! Ja, das stimmt zum andern.“
Er fragte viel, und Veraguth gab in einer leichten Betäubung Antwort, mit einem Gefühl ängstlicher Aufmerksamkeit und heimlicher Bewunderung für diese schonend höfliche, tadellos präzise Sprechweise.
Dann kamen die Fragen nur noch langsam und vereinzelt, und schließlich gab es eine lange Pause, die Stille hing wie eine Wolke im Zimmer, nur vom gellend spitzen Gang der kleinen koketten Uhr unterbrochen.
Veraguth wischte sich den Schweiß von der Stirne. Er fühlte, daß es nun Zeit war, die Wahrheit zu erfahren, und da der Arzt wie steinern dasaß und schwieg, überfiel ihn mit schmerzhafter Lähmung der Schrecken. Er rollte den Kopf, als ersticke er im Hemdkragen, und schließlich stieß er heraus: „Ist es denn so schlimm?“