Hin und wieder ging sie, nach Pierre zu sehen, öffnete vorsichtig seine Türe und horchte, ob er schlafe oder stöhne. Er lag jedesmal wach und blickte apathisch geradeaus, und traurig ging sie wieder fort. Sie hätte ihn lieber in Gefahr und Schmerzen gepflegt, statt ihn so verschlossen, verdrossen und gleichgültig liegen zu sehen; es schien ihr, eine seltsame, traumhafte Kluft trenne ihn von ihr, ein widerwärtig zäher Bann, den ihre Liebe und Sorge nicht zu brechen vermöge. Es war da ein gemeiner, hassenswerter Feind im Hinterhalt, dessen Art und dessen böse Absichten man nicht kannte und gegen den man keine Waffen besaß. Vielleicht bereitete sich da irgendein Fieber, ein Scharlach oder sonst eine Kinderkrankheit vor.

Bekümmert rastete sie eine Weile in ihrem Zimmer. Ein Strauß Spiräen fiel ihr ins Auge, sie bog sich über den runden Mahagonitisch, dessen rotbraunes Holz unter der weißen durchbrochenen Decke tief und warm leuchtete, und senkte das Gesicht mit geschlossenen Augen in die vielästigen, weichen, sommerlichen Blüten, deren starksüßer Duft, wie sie ihn voll einsog, auf seinem Grunde geheimnisvoll bitter schmeckte.

Indem sie sich, leicht betäubt, wieder aufrichtete und mit unbeschäftigten Augen auf die Blumen, auf den Tisch und durch das Zimmer blickte, stieg eine Woge von bitterer Traurigkeit in ihr auf. Sie schaute in einer plötzlichen Wachheit der Seele durch den Raum und an den Wänden hin, sie sah Teppich und Blumentisch, Uhr und Bilder auf einmal fremd und ohne Beziehungen, sie sah den Teppich aufgerollt, die Bilder verpackt und alles auf einen Wagen geladen, welcher alle diese Dinge, die nun keine Heimat und keine Seele mehr hatten, fort an einen neuen, unbekannten, gleichgültigen Ort bringen sollte. Sie sah Roßhalde leer mit geschlossenen Türen und Fenstern stehen und fühlte Verlassenheit und Abschiedsweh aus allen Beeten des Gartens starren.

Es waren nur Augenblicke. Es kam und ging wie ein leiser, doch dringender Ruf aus dem Dunkeln, wie ein flüchtig hereinfallendes, fragmentarisches Spiegelbild aus der Zukunft. Und deutlich stieg es ihr aus dem blinden Leben der Gefühle ins Bewußtsein: sie würde bald mit ihrem Albert und dem kranken Pierre ohne Heimat sein, ihr Mann würde sie verlassen, und ihr bliebe für alle Zeit die verlorene Dumpfheit und Kälte so vieler liebloser Jahre in der Seele liegen. Sie würde für die Kinder leben, aber sie würde nie das eigene, schöne Leben mehr finden, das sie einst von Veraguth erhofft und auf das sie einen heimlichen Anspruch noch bis gestern und heute in sich bewahrt und gehegt hatte. Dazu war es zu spät. Und sie fror vor Erkenntnis und Nüchternheit.

Aber alsbald setzte ihr gesundes Wesen sich zur Wehr. Es stand ihr eine unruhige und ungewisse Zeit bevor, Pierre war krank, und Alberts Ferien waren bald zu Ende. Es ging nicht, es ging schlechterdings nicht an, daß jetzt auch sie schlaff wurde und unterirdischen Stimmen folgte. Erst mußte Pierre wieder gesund und Albert abgereist und Veraguth in Indien sein, dann würde man weiter sehen, dann war es immer noch Zeit, das Schicksal anzuklagen und sich die Augen auszuweinen. Jetzt hatte das keinen Sinn, sie durfte nicht, es kam gar nicht in Betracht.

Sie stellte die Vase mit den Spiräen vors Fenster hinaus. Sie ging in ihr Schlafzimmer, goß Kölnisches Wasser auf ihr Taschentuch und wusch sich die Stirne damit, prüfte im Spiegel ihre strenge, straffe Frisur und ging mit ruhigen Schritten nach der Küche, um selbst einen Imbiß für Pierre zu rüsten.

Damit erschien sie später an des Kleinen Bett, setzte ihn aufrecht, schenkte seinen abwehrenden Gebärden keine Beachtung und löffelte ihm streng und aufmerksam das Eigelb ein. Sie wischte ihm den Mund ab und küßte ihn auf die Stirn, schüttelte sein Bett zurecht und redete ihm zu, lieb zu sein und zu schlafen.

Als nun Albert von einem Spaziergange heimkam, zog sie ihn mit sich auf die Veranda, wo der leichte Sommerwind in den straff gespannten, braun und weiß gestreiften Markisen knatterte.

„Der Arzt ist wieder dagewesen,“ erzählte sie. „Pierre sei mit den Nerven nicht in Ordnung, und nun muß er möglichst Ruhe haben. Es tut mir leid für dich, aber es darf zunächst im Hause gar nimmer Klavier gespielt werden. Ich weiß, es ist ein Opfer für dich, mein Junge. Vielleicht wäre es ganz klug, wenn du bei dem schönen Wetter für ein paar Tage verreisen würdest, in die Berge oder nach München? Papa hätte gewiß nichts dagegen.“

„Danke, Mama, das ist lieb von dir. Ich gehe vielleicht einmal einen Tag weg, aber nicht länger. Sonst hast du ja gar niemand, der bei dir ist, solang Pierre liegen muß. Und dann sollte ich ja jetzt auch mit der Schularbeit beginnen, ich habe die ganze Zeit bis jetzt gebummelt. – Wenn nur Pierre bald gesund wird!“