Ich habe nun drei Monate auf ihn gewartet und bekomme den Eindruck, dass die Vorsehung unter vier Augen mit mir hat sein wollen, um mich von der Welt los zu machen, mich in die Wüste zu treiben, auf dass die Zuchtgeister dort meine Seele recht schütteln und sieben könnten. Und darin hat die Vorsehung recht getan, denn die Einsamkeit hat mich erzogen, indem sie mich zwang, auf die mässig zugenommenen Freuden des Verkehrs zu verzichten, und mich jeder Stütze eines Freundes beraubte. Ich habe mich gewöhnt, zum Herrn zu sprechen, mich nur ihm anzuvertrauen, und habe so gut wie aufgehört, Bedürfnis nach Menschen zu empfinden; was mir stets vorgeschwebt hat als das Ideal von Unabhängigkeit und Freiheit.
Selbst dem Kloster, in dem ich den Schutz der Religion und der Geselligkeit für mich erwartete, muss ich entsagen. Das Leben des Eremiten war mir auferlegt, und ich habe es hingenommen als eine Strafe und eine Erziehung, trotzdem es einem hart ankommt, im Alter von achtundvierzig Jahren seine eingewurzelten Gewohnheiten gegen neue vertauschen zu müssen.
Ich wohne in einer kleinen Kamme, eng wie eine Klosterzelle, mit einem vergitterten Fensterloch oben unter der Decke, das auf einen Hof und eine Steinwand mit ungeheurem Efeu geht.
Dort sitze ich nach meinem Morgenspaziergang, bis halb sieben Uhr abends; das Frühstück lasse ich auf einem Tablett herauftragen.
Abends gehe ich aus, um zu Mittag zu speisen, und gehe direkt, ohne mir erst einen Appetit-Likör zu verschaffen, der mir jetzt zuwider ist. Warum ich das kleine Restaurant am Boulevard St. Germain ausgewählt habe, würde mir schwer fallen zu erklären. Vielleicht ist es eine Erinnerung an die beiden schrecklichen Abende, die ich im vorigen Jahre mit meinem okkulten Freund, dem Deutsch-Amerikaner, dort verbrachte, die mich dort fest hext, bis zu dem Grad, dass jeder Versuch, nach einem andern Ort zu gehen, mit einem Unbehagen schliesst, das ich tendenziös nennen möchte und das mich zurück nach dieser Kneipe treibt, die ich verabscheue. Und die Gründe dafür: mein früherer Freund hat hier Schulden hinterlassen, und man hat mich als seinen Begleiter erkannt. Aus dieser Ursache und weil man uns hat deutsch sprechen hören, werde ich als Preusse behandelt, das heisst, sehr schlecht bedient. Es hilft nicht, dass ich stille Proteste einlege, indem ich meine Visitenkarte zurücklasse oder mit Absicht Briefumschläge, die in Schweden abgestempelt sind, vergesse. Ich sehe mich genötigt, für den Schuldigen zu leiden und zu bezahlen. Kein anderer als ich sieht die Logik in diesem Sachverhalt ein, dass es eine Sühne ist für ein Vergehen.... Es ist ganz einfach eine Rechtsübung in untadeliger Form, und zwei Monate lang kaue ich das entsetzlich schlechte Essen, das nach der Anatomie riecht.
Die Wirtin, die bleich wie eine Leiche an der Kasse thront, grüsst mich mit einer triumphierenden Miene, und ich übe mich in mir zu sagen:
Arme Alte, sie hat wohl 1871 während der Belagerung von Paris Ratten essen müssen!
Aber es scheint, als ob sie Mitleid mit mir empfinde, als sie meine dumpfe Ergebenheit und meine Ausdauer wahrnimmt. Es gibt Augenblicke, da sie mir noch bleicher zu werden scheint, wenn sie mich so allein kommen sieht, immer allein, und immer magerer. Es ist nur die nackte Wahrheit: als ich mir nach zwei auf diese Weise verlaufenen Monaten neue Halskragen anschaffte, musste ich an Stelle der Kragen von 47 Zentimeter solche von 43 kaufen, was 4 Zentimeter Unterschied macht. Die Wangen sind hohl geworden und die Kleider hängen in Falten.
Da zeigt man sich auf einmal bemüht, mir besseres Essen vorzusetzen, und die Wirtin lächelt mich an. Im selben Augenblick hörte die Verhexung auf, und ich ging meiner Wege, ohne Groll und wie von einer Last befreit, mit der Gewissheit, dass die Sündenbusse für meinen Teil erfüllt sei und vielleicht auch für den meines abwesenden Freundes. Falls es eine Einbildung von mir war, dass ich schlecht behandelt worden sei, und falls die Wirtin ohne Schuld daran war, bitte ich sie um Verzeihung; dann war ich es, der sich selbst gestraft hat, indem er sich eine wohlverdiente Züchtigung gab.
"Die Zuchtgeister nehmen die Einbildungskraft des Strafwürdigen in Besitz und wirken durch dieses Mittel zu seiner Besserung von der Schlechtigkeit, indem sie ihn alles in entstellter Form wahrnehmen lassen." (Swedenborg.)