Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mir eine wirklich feine Mahlzeit hatte leisten wollen, dass alle Gerichte mir Ekel einflössten, als ob sie faul wären, während meine Tischkameraden sich einstimmig in Lobreden über das gute Essen ergossen!
Der "beständig Unzufriedene" ist ein Unglücklicher unter der Geissel der Unsichtbaren, und mit allem Grund weicht man ihm aus, denn er ist dazu verurteilt, ein Freudenstörer zu sein, der, zur Einsamkeit und deren leiden verurteilt, verborgene Versehen sühnt.
So bleibe ich denn mit mir allein, und als ich, nachdem ich ganze Wochen lang nicht Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu hören, jemand aufsuche, überhäufe ich diesen Unglücklichen so mit meinem Redefluss, dass er sich ermüdet aus dem Spiele zieht und, ohne es zu wollen, zu verstehen gibt, dass er das Zusammensein nicht zu erneuern wünscht.
Es gibt andere Augenblicke, wo die Verlockung, ein menschliches Wesen zu sehen, mich dazu treibt, schlechte Gesellschaft aufzusuchen. Dann geschieht es, dass mitten im Gespräch ein Gefühl des Unbehagens, das von Kopfschmerzen begleitet wird, mich ergreift; ich werde stumm, bin unfähig, ein Wort hervorzubringen. Und ich sehe mich genötigt, den Kreis zu verlassen, der nie zu zeigen versäumt, wie zufrieden man ist, eine unerträgliche Figur, die nichts dort zu tun hatte, los zu werden.
Zur Isolierung verurteilt, unter den Menschen in Acht erklärt, nehme ich meine Zuflucht zu dem Herrn, der für mich ein persönlicher Freund geworden ist; oft ist er zornig auf mich, und dann leide ich; oft scheint er abwesend zu sein, von anderer Seite in Anspruch genommen, und dann ist es noch viel schlimmer. Aber wenn er gnädig ist, wird mir das Leben süss, besonders in der Einsamkeit.
Ein eigentümlicher Zufall hat es gefügt, dass ich mich in der Rue Bonaparte, der katholischen Strasse, niedergelassen habe. Ich wohne gerade der Ecole des beaux-arts gegenüber, und wenn ich ausgehe, wandre ich durch eine Allee von Schaufenstern, wo Puvis de Chavannes' Legenden, Botticellis Madonnen, Raffaels Jungfrauen mich zum oberen Teil der Rue Jacob begleiten; von dort folgen mir die katholischen Buchhandlungen mit ihren Gebetbüchern und Missalen bis zur Kirche St. Germain des Pres. Die Läden mit ihren Andachtsgegenständen bilden von dort ein Spalier von Erlösern, Madonnen, Erzengeln, Engeln, Dämonen und Heiligen, all den vierzehn Stationen in Christi Leiden, der Weihnachtskrippe; dies alles zur Rechten; und linker Hand fromme Bilderbücher, Rosenkränze, Gottesdienstgewänder und Altargefässe, bis zum Saint-Sulpice-Markt, wo die vier Löwen der Kirche, mit Bossuet an der Spitze, den göttlichsten Tempel in Paris bewachen.
Nachdem ich dieses Repertorium der Heiligen Geschichte musternd durchgangen bin, trete ich oft in die Kirche, um mich an Eugène Delacroix' Gemälde "Jakob ringt mit dem Engel" zu stärken. Die Sache ist die, dass diese Szene mir stets etwas zu denken gibt, indem sie gottlose Vorstellungen bei mir weckt, trotz dem Orthodoxen im Gegenstande. Und wenn ich durch die Knienden wieder hinausgehe, bewahre ich die Erinnerung an den Ringer, der sich aufrecht hält, obgleich seine Hüftsehne gelähmt worden ist.
Danach gehe ich am Jesuitenseminar vorbei, einer Art furchtbaren Vatikan, das unermessliche Fluten seelischer Kraft ausdünstet; deren Wirkungen machen sich von weitem fühlbar, wenn man den Theosophen glauben darf. Ich bin nun an meinem Ziel angekommen, dem Luxemburg-Garten.
Schon seit meinem ersten Besuch in Paris 1876 hat dieser Park eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Es war mein Traum, in seiner Nähe wohnen zu dürfen. Dieser Einfall wurde 1883 Wirklichkeit. Von der Zeit an, jedoch mit Unterbrechungen, ist dieser Garten meinen Erinnerungen einverleibt worden, in meine Persönlichkeit übergegangen. Obgleich in Wirklichkeit nur mässig ausgedehnt, ist er in meiner Einbildung unermesslich gross. Ganz wie die heilige Stadt im Buch der Offenbarung hat er zwölf Tore, und, um die Ähnlichkeit voll zu machen, "nach Osten drei Tore, nach Norden drei Tore, nach Süden drei Tore, nach Westen drei Tore" (Offenbarung, 21, 13). Und jeder Eingang schenkt mir einen verschiedenen Eindruck, der auf Anordnung der Pflanzungen, der Gebäude, der Statuen beruht, oder, auch auf persönlichen Erinnerungen, die damit verknüpft sind.
So fühle ich mich herzensfroh, wenn ich durch das erste Tor von der Rue de Luxembourg eintrete, wo man vom Saint-Sulpice kommt: die efeubewachsene Hütte des Wärters erzählt mir ein nicht herausgegebenes Idyll mit Ententeich und Paulownien. Weiterhin liegt das Museum für die Gemälde lebender Künstler in klaren, sonnigen Farben. Der Gedanke, dass meine Jugendfreunde Carl Larsson, der Bildhauer Ville Vallgren, Fritz Thaulow dort Stücke ihrer Seele niedergelegt haben, stärkt und verjüngt mich; ich fühle die Strahlung ihres Geistes durch die Mauern dringen und mich einladen, Mut zu fassen, da ich Freunde ganz nahe habe.