DER LETZTE WILLE EINES DEUTSCHEN PRINZEN
Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen nach seiner tödlichen Verwundung.
Berlin, 14. September. (Privattelegramm.) Der jüngst gefallene Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen schrieb nach der tödlichen Verwundung, die er erlitten, auf einen Notizblock:
„Bestattet mich nicht in der Fürstengruft, sondern gemeinsam mit tapferen Soldaten in der Stadt. Ein einfaches Kreuz darauf — dies genügt für Deutschlands Söhne.“
BRIEFWECHSEL ZWEIER FREUNDINNEN
Liebe Freundin, wir Frauen haben etwas Gemeinsames mit den Dichtern und Denkern — — — wir interessieren uns nämlich nicht für Lokalereignisse der Menschheit, sondern mehr für das Ganze! Unsere Schwärmereien gehen ins Große, der Frühling, die Berge, die Menschheit. Wir sind schwächliche Träumerinnen, folgen gerne ins Weite den Propheten und Heiligen, den Vorausschauern in eine lichtere Zukunft! Aber siehst du, manches Mal erwischt uns doch ein Lokalereignis bei einem Zipfel unserer Seele! Zum Beispiel jetzt, wenn ich so nachdenke in meinem Zimmer, weiß ich es genau, daß es in ganz Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol kein Mädchen geben könne, unmöglich, die auf verwundete Helden siedendes Öl herabgießen könnte! Sie könnten es einfach nicht! Siehe, das allein ist Seelenkultur, etwas ganz Infames nicht leisten zu können, selbst wenn man es sogar, aufgestachelt, tun möchte! Es nicht tun können, sogar gegen seine Leidenschaft! Nicht lügen können, selbst wenn einem das Wasser bis an den Mund geht, einen zu ertränken! Nicht gemein sein können, selbst wenn es eine Notwendigkeit wäre; nicht aus moralischen Bedenken heraus nicht unanständig sein können, sondern aus der Genialität heraus einer mysteriös alles besiegenden Naturheilkraft; da erst erweist sich die Edelrassigkeit oder die Schäbigkeit! Wir könnten kein siedendes Öl herabgießen! Nein, das könnten wir nicht, Gott sei Dank!
Deine Paula Sch.
AN DIE FRAUEN!
Anno Domini 1914.
Wehe dem Luxus!