Sie war eine „freche Flietschen,“ das heißt sie war es gar nicht, sondern sie wartete vergeblich und enttäuscht auf die jedesmalige Ohrfeige, die man ihr hätte unbedingt geben müssen für eine jede ihrer Frechheiten! Aber man lachte, wurde nur verlegen, oder überhörte es. Denkt euch einmal ein Schulmädchen, dem der erste Lehrer alles absichtlich nachsieht, weil, weil, weil — — — weil sie ihm sympathisch ist! „Der Anna g’schieht nix, die darf sich alles erlauben bei unserm Herrn Klassenlehrer! Mir hätten schon tausendmal etwas Fades abschreiben müssen! Aber die Anna ist ja der Liebling!“ Ja, der „Liebling“ ist ein verlorenes, unglückseliges, schamlos zugrund gerichtetes Wesen! Die haben es „am Gewissen“, die es lieb haben!

THEATER UND KRIEG

(Viktor Arnold †.) Aus Berlin wird uns telegraphiert: Das ausgezeichnete Mitglied des Deutschen Theaters Viktor Arnold ist plötzlich gestorben. Dieser echte Menschendarsteller von tiefstem Gemüte und schlichtester, beseelter Einfachheit brach unter den Eindrücken des Krieges zusammen. Seine Nerven konnten den Meldungen von Schlachten und Tod nicht widerstehen. Die Ärzte schickten ihn in Lahmanns Sanatorium, wo ihn der Tod ereilte. Die deutsche Bühne erleidet mit seinem Hinscheiden einen großen Verlust.

P. A. Viktor Arnold war die Natur selbst, an Einfachheit, Tiefe, Humor und schrecklicher simpler Wahrhaftigkeit! Deshalb wurde für ihn nie das große „Tamtam“ geschlagen wie sonst für die Hamlets, Romeos, Tassos, Mephistos, Macbeths! Er erschütterte die, die sowieso erschüttert sind, auch ohne Farce!

PHILOSOPHIE

Die Geliebte, in gesunden und in kranken Tagen, nämlich in unseren!

In gesunden Tagen fällt es uns mehr oder weniger leicht, ihr es ununterbrochen zu beweisen, daß sie die Sonne unseres Seins, unser Labsal, unsere einzige Stütze, unsere Errettung sei! Aber in kranken Tagen spießt es sich, obzwar sie malheureuserweise gerade in diesen als Rettungsengel, Betreuerin, Helferin, ideale Stütze eine Rolle spielen möchte! Gerade jetzt soll ihr, muß ihr der arme Kranke, der nur absolute Ruhe, Schlaf, Darmfunktion, Konzentration auf das eigene geschwächte Ich brauchte, beweisen, daß sie ihm unentbehrlich sei, und muß sich oft stundenlang vom brechen und sch. zurückhalten; aus Angst sie zu enttäuschen!

Was nützt es, daß sie bleich und selbstlos erklärt, sie wolle für ihn die niedrigsten Dienste verrichten?! Von ihr es anzunehmen stört ihn, hindert ihn, demütigt ihn, macht ihn unglückseliger, als er es so schon ist!

Sie sitzt stundenlang an seinem Bette, betreut seinen Schlaf, macht dabei hundert unwillkürliche und willkürliche Geräusche, die ihn aufschrecken, jedenfalls die Tiefe des Schlummers, die absolute Sorgenlosigkeit, das gänzliche regenerierende Versinken beträchtlich verhindern! Ein Kavalier mit Magen- und Darmkatarrh ist eine Unmöglichkeit! Und kein Kavalier sein, ist aber eine ebensolche Unmöglichkeit! Uns es aber erleichtern scheint eine noch größere Unmöglichkeit zu sein für „liebende Frauen“!!!