„Ja, Kerl, warum wollen Sie sie denn dann heiraten? Sie haben ja Angst vor ihr! Ihr habt doch kein Kind? Oder?“
„Nein, dieses nicht. Aber sie läßt mir keine Ruhe mehr ...“
„Dann schenken Sie ihr eine hübsche Brosche, Robert, ich gebe Ihnen einen Taler dafür. Die geben Sie Ihrer Braut und sagen ihr, sie möchte sich nun einen andern suchen für ihren Zigarrenladen. Sagen Sie ihr, ich hätte das gesagt. Und schämen Sie sich ein bißchen! Ich lasse Ihnen acht Tage Zeit. Dann möchte ich wissen, ob Sie ein Mann sind, der sich von einem Mädel Angst machen läßt, oder nicht.“
„Es ist gut, es ist gut. Ich werde ihr schon sagen ...“
Veraguth hörte auf zu lächeln. Er blitzte den Betroffenen aus zornigen Augen an und rief scharf: „Sie werden das Mädel fortschicken, Robert, sonst sind wir miteinander fertig. Pfui Teufel – sich heiraten lassen! Gehen Sie, und bringen Sie das bald in Ordnung!“
Er stopfte sich eine Pfeife, nahm ein größeres Skizzenbuch und eine Hülse voll Zeichenkohle an sich und ging nach dem Waldhügel hinaus.
Vierzehntes Kapitel
Das Fasten schien nicht viel zu helfen. Pierre Veraguth lag zusammengekrümmt in seinem Bette, die Teetasse stand unberührt daneben. Man ließ ihn möglichst in Ruhe, da er auf keine Anrede Antwort gab und jedesmal unwillig zusammenfuhr, wenn jemand in sein Zimmer trat. Die Mutter saß manche Stunde an seinem Bett, sie murmelte halbgesungene Zärtlichkeiten und Beruhigungsworte. Es war ihr sorgenvoll und unheimlich zumute; es schien, als sei der kleine Kranke hartnäckig in einen geheimen Schmerz verbohrt. Er gab auf keine Frage, auf keine Bitte, auf kein Anerbieten irgendeine Antwort, mit bösen Augen starrte er vor sich hin und wollte nicht schlafen, nicht spielen, nicht trinken, nicht vorgelesen haben. Der Arzt war zwei Tage nacheinander gekommen; er hatte wenig gesagt und laue Leibwickel befohlen. Pierre lag viel in einem leichten Halbschlummer, wie Fiebernde ihn haben, er murmelte dann unverständliche Worte und träumte halbbewußt in einem leisen dumpfen Delirium vor sich hin.
Veraguth war seit mehreren Tagen draußen am Malen. Als er mit der Dämmerung nach Hause kam, fragte er sogleich nach dem Knaben. Seine Frau bat ihn, nicht mehr ins Krankenzimmer zu gehen, da Pierre so sehr empfindlich gegen alle Störungen sei und jetzt eingeschlummert scheine. Da Frau Adele wenig Worte machte und seit dem neulichen Morgengespräch sich ihm gegenüber mißgestimmt und befangen fühlte, fragte er nicht weiter, sondern ging unbekümmert ins Bad und brachte den Abend in der angenehmen Unruhe und warmen Erregtheit hin, die er stets beim Vorbereiten einer neuen Arbeit empfand. Nun hatte er mehrere Studien draußen gemalt und wollte morgen das Bild selber in Angriff nehmen. Er wählte mit Befriedigung Kartons und Leinwände aus, flickte an locker gewordenen Keilrahmen herum, suchte Pinsel und Malzeug aller Art zusammen und rüstete sich wie für eine kleine Reise, er legte sogar den gefüllten Tabaksbeutel, Pfeife und Feuerzeug bereit wie ein Tourist, der in der Frühe zu einer Bergbesteigung aufbrechen will und sich für die erwartungsvollen Stunden vor dem Schlafengehen nichts Besseres weiß als liebevoll an morgen zu denken und jede Kleinigkeit dafür bereitzulegen.
Behaglich sah er dann bei einem Glase Wein die Abendpost an. Da war ein freudiger, liebevoller Brief von Burkhardt, und beigefügt war eine mit hausfraulicher Sorgsamkeit zusammengestellte Liste alles dessen, was Veraguth für die Reise mitzunehmen habe. Belustigt las dieser die ganze Liste durch, auf welcher weder wollene Leibbinden noch Strandschuhe, weder Nachtkleidung noch Gamaschen vergessen waren. Unten auf dem Zettel stand mit Bleistift geschrieben: „Alles andere besorge ich für uns beide, auch die Kabinen. Laß dir weder Chemikalien gegen Seekrankheit noch indische Reiseliteratur aufschwatzen, alles das ist meine Sache.“