Seit Veraguth allein in seinem kleinen Neubau wohnte, war seine Frau kaum jemals bei ihm drüben gewesen. Als sie nun, ohne anzuklopfen, schnell und erregt in seine Werkstatt trat, war er alsbald auf eine schlimme Nachricht gefaßt, und so sicher warnte ihn der Instinkt, daß er, noch ehe sie ein Wort hatte sagen können, herausfuhr: „Ist etwas mit Pierre?“

Sie nickte hastig.

„Er muß ernstlich krank sein. Er war vorher ganz sonderbar, und eben hat er wieder erbrochen. Du mußt den Doktor holen.“

Während sie sprach, flog ihr Blick durch den leeren, großen Raum und blieb an dem neuen Bilde hängen. Sie sah die Figuren nicht, sie erkannte nicht einmal die Gestalt des kleinen Pierre, sie starrte nur auf die Leinwand und atmete die Luft des Raumes, in dem ihr Mann seit Jahren lebte, und mit dumpfer Ahnung fühlte sie hier eine ähnliche Atmosphäre von Einsamkeit und trotzigem Selbstgenügen wie die, in welcher sie selber schon so lange lebte. Es war nur ein Augenblick, dann wandte sie den Blick von dem Bilde ab und suchte dem Maler Antwort zu geben, der heftig durcheinander fragte.

„Bitte telephoniere sofort nach einem Automobil,“ sagte er schließlich, „das geht rascher als mit dem Wagen. Ich fahre selber in die Stadt, ich muß mir nur eben die Hände waschen. Ich komme sofort hinüber. Du hast ihn doch zu Bett gebracht?“

Eine Viertelstunde später saß er im Automobil und suchte den einzigen Arzt, den er kannte und der früher manchmal ins Haus gekommen war. In der alten Wohnung fand er ihn nicht mehr, er war umgezogen. Auf der Suche nach der neuen Wohnung begegnete er seinem Wagen, der Sanitätsrat grüßte ihn, er dankte und war schon vorüber, als ihm klar wurde, daß er es sei, den er suche. Er kehrte um und fand den Arztwagen vor dem Hause eines Patienten halten, wo er eine peinliche Weile warten mußte. Dann fing er den Sanitätsrat in der Haustüre ab und nötigte ihn in sein Automobil. Der Arzt sträubte und wehrte sich, er mußte beinahe Gewalt brauchen, um ihn mitzubekommen.

Im Wagen, der sofort mit der größten Eile gegen Roßhalde hinausfuhr, legte der Arzt ihm die Hand aufs Knie und sagte: „Gut denn, ich bin Ihr Gefangener. Ich muß andere warten lassen, die mich brauchen, das wissen Sie. Also, wo fehlt es? Ist Ihre Frau krank? – Nicht? – Also der Kleine. Wie heißt er doch? Pierre, richtig. Ich habe ihn lang nimmer gesehen. Was ist es denn? Ist er verunglückt?“

„Er ist krank, seit gestern. Heut früh schien er wieder in Ordnung zu sein, er war auf und hat auch ein wenig gegessen. Jetzt erbricht er plötzlich wieder und scheint Schmerzen zu haben.“

Der Arzt fuhr sich mit der mageren Hand über das klughäßliche Gesicht.

„Also wohl der Magen. Wir werden ja sehen. Sonst ist alles wohl bei Ihnen? Letzten Winter habe ich Ihre Ausstellung in München gesehen. Wir sind stolz auf Sie, Verehrter.“