Der Vater ging, um Mama zu holen. Blinzelnd sah Pierre nach dem Fenster, wo der helle, frohe Tag durch die gelblichen Vorhänge schien. Das war nun ein Tag, der etwas versprach, der nach allen möglichen Freuden duftete. Wie war das gestern schal und kalt und dumpf gewesen! Er schloß die Augen, um das zu vergessen, und fühlte in den schlafträgen Gliedern das liebe Leben sich dehnen.

Und jetzt kam die Mutter, sie brachte ihm ein Ei und eine Tasse Milch ans Bett, und Papa versprach ihm neue Farbstifte, und alle waren lieb und zärtlich und hatten eine Freude daran, ihn wieder gesund zu sehen. Es war beinahe wie ein Geburtstag, und daß der Kuchen fehlte, schadete gar nichts, denn richtigen Hunger hatte er noch immer nicht.

Gleich nachdem er angekleidet war, in einen frischen, blauen Sommeranzug, ging er zu Papa in das Atelier. Er hatte den häßlichen Traum von gestern vergessen, aber in seinem Herzen zitterte noch ein Widerhall von Schrecken und Leid, und er mußte nun sehen und genießen, daß wirklich Sonne und Liebe um ihn war.

Der Vater maß den Rahmen für sein neues Bild aus und empfing ihn voller Freude. Pierre wollte jedoch nicht lange dableiben, er wollte nur Guten Tag sagen und sich ein wenig liebhaben lassen. Dann mußte er weiter, zum Hunde und zu den Tauben, zu Robert und in die Küche, und mußte alles wieder begrüßen und in Besitz nehmen. Darauf ging er mit Mama und Albert in den Garten, und es schien ihm ein Jahr vergangen, seit er hier im Gras gelegen und geweint hatte. Schaukeln mochte er nicht, aber er legte seine Hand auf das Schaukelbrett, er ging zu den Sträuchern und Blumenbeeten, und eine dunkle Erinnerung wie aus einem vorigen Leben wehte ihn an, als sei er einmal hier zwischen den Beeten allein, verlassen und trostlos irrgelaufen. Nun war alles wieder licht und lebendig, die Bienen sangen und die Luft war leicht und froh zu atmen.

Er durfte Mutters Blumenkorb tragen, sie taten Nelken und große Dahlienblumen hinein, daneben aber machte er noch einen besonderen Strauß, den wollte er später dem Vater bringen.

Als man ins Haus zurückkam, war er müde geworden. Albert erbot sich, mit ihm zu spielen, aber erst wollte Pierre ein wenig ausruhen. Er setzte sich tief in Mutters großen Korbstuhl auf der Veranda, den Strauß für Papa hatte er noch in der Hand.

Er fühlte sich angenehm ermattet, er schloß die Augen, wandte sich gegen die Sonne und freute sich, wie das Licht ihm rot und warm durch die Lider schien. Dann blickte er befriedigt an seinem hübschen, reinen Anzug hinab und streckte seine blanken gelben Schuhe ins Sonnenlicht, abwechselnd den rechten und den linken. Er fand es schön, so still und etwas matt in Behaglichkeit und Reinlichkeit zu sitzen, nur die Nelken dufteten allzu stark. Er legte sie weg und schob sie auf dem Tisch von sich fort, so weit sein Arm reichte. Er mußte sie bald ins Wasser tun, damit sie nicht welk würden, ehe der Vater sie sähe.

Mit ungewohnter Zärtlichkeit dachte er an ihn. Wie war das doch gestern gewesen? Er hatte ihn im Atelier aufgesucht, und Papa hatte gearbeitet und keine Zeit gehabt, und er war so allein und fleißig und etwas traurig vor seinem Bilde gestanden. Soweit erinnerte er sich genau an alles. Aber später? War ihm später nicht der Vater im Garten begegnet? Er versuchte mit Anstrengung sich zu erinnern. Ja, Vater war im Garten hin und her gegangen, allein und mit einem fremden, schmerzlichen Gesicht, und er hatte ihn rufen wollen ... Wie war das gewesen? Es war irgend etwas Schreckliches oder Grausiges, was gestern geschehen war oder wovon er gestern gehört hatte, und er konnte es nicht wiederfinden.

Im tiefen Sessel zurückgelehnt ging er seinen Gedanken nach. Die Sonne schien gelb und warm auf seine Knie, aber die Fröhlichkeit wich ganz allmählich von ihm. Er fühlte, daß seine Gedanken sich jenem Grausigen mehr und mehr näherten, und er fühlte: sobald er es gefunden habe, werde es wieder Macht über ihn haben; es stand hinter ihm und wartete. So oft seine Erinnerung nahe an jene Grenze kam, stieg ein beklemmendes Gefühl wie Übelkeit und Schwindel in ihm auf, und sein Kopf begann leise zu schmerzen.

Die Nelken störten ihn mit ihrem überstarken Geruch. Sie lagen auf dem sonnigen Korbtisch und wurden welk, und wenn er sie dem Vater noch geben wollte, so war es jetzt Zeit. Aber er mochte nicht mehr, vielmehr er mochte schon, aber er war so müde, und das Licht tat ihm in den Augen weh. Und vor allem mußte er nachdenken, was da gestern geschehen war. Er spürte, er sei ganz nahe daran und brauche nur mit den Gedanken danach zu greifen, aber immer schwand es wieder dahin und war weg.