„Und du?“ fragte sie. „Willst du dort oben malen?“

„Nein, ich werde nicht mitkommen. Ich werde euch alle eine Weile euch selber überlassen und verreisen. Ich will im Herbst wegfahren und das Atelier abschließen. Robert bekommt Urlaub. Es steht dann ganz bei dir, ob du den Winter hier auf Roßhalde bleiben willst. Ich würde nicht dazu raten, geh lieber nach Genf oder Paris, und vergiß Sankt Moritz nicht, das wird Pierre gut tun!“

Ratlos schlug sie die Augen zu ihm auf.

„Du machst Spaß,“ sagte sie ungläubig.

„Ach nein,“ lächelte er halb wehmütig, „das habe ich ganz verlernt. Es ist mein Ernst und du mußt es schon glauben. Ich will eine Seereise machen und längere Zeit wegbleiben.“

„Eine Seereise?“

Sie besann sich mit Anstrengung. Seine Vorschläge, seine Andeutungen, sein fröhlicher Ton, alles war ihr ungewohnt und machte sie mißtrauisch. Aber plötzlich tat das Wort „Seereise“ eine Vorstellung in ihr auf: sie sah ihn ein Schiff besteigen, Träger mit Koffern hinterher, sie erinnerte sich an die Bilder auf Plakaten der Schiffsgesellschaften und an ihre eigenen Reisen im Mittelmeer, und in einem Augenblick ward ihr alles durchsichtig.

„Du gehst mit Burkhardt!“ rief sie lebhaft.

Er nickte. „Ja, ich reise mit Otto.“

Beide schwiegen eine Weile. Frau Adele war betroffen und fühlte ahnungsvoll die Bedeutung der Nachricht. Vielleicht wollte er sie verlassen und freigeben? Jedenfalls war es ein erster ernsthafter Versuch nach dieser Seite, und sie erschrak im Herzen darüber, wie wenig Aufruhr, Sorge und Hoffnung sie dabei empfinde, und wie gar keine Freude. Mochte für ihn noch ein neues Leben möglich sein, für sie war es nicht so. Sie würde es mit Albert leichter haben, und sie würde Pierre gewinnen, ja, aber sie würde eine verlassene Frau sein und bleiben. Hundertmal hatte sie sich das vorgestellt und es hatte wie Freiheit und Erlösung ausgesehen; und heute, da es schien, als könne Wirklichkeit daraus werden, war so viel Bangigkeit und Scham und Schuldgefühl dabei, daß sie verzagte und keines Wunsches mehr fähig war. Das hätte früher kommen müssen, fühlte sie, in den Zeiten der Nöte und Stürme, noch ehe sie Resignation gelernt hatte. Nun kam es zu spät und unnütz, nun war es nichts mehr als ein Strich unter erledigte Dinge, es war nur noch Abschluß und bittere Bestätigung alles Verborgenen, Halbeingestandenen, und es glommen keine Funken neuer Lebenslockung mehr darin.