Da fiel ihm der Vater ein. Es war ein ahnungsvolles Gefühl, daß der ihn vielleicht verstehen könnte, da er selber meistens still und gespannt und unfroh aussah. Der Vater stand ohne Zweifel, so wie immer, in seinem großen, stillen Atelier drüben und malte an seinen Bildern. Da war es eigentlich nicht gut, ihn zu stören. Aber er hatte ja erst ganz kürzlich gesagt, Pierre solle nur immer zu ihm kommen, wenn es ihn gelüste. Vielleicht hatte er es wieder vergessen, alle Erwachsenen vergaßen ja ihre Versprechungen immer so bald wieder. Aber versuchen konnte man es einmal. Lieber Gott, wenn man doch durchaus keinen anderen Trost wußte und es so nötig hatte!
Langsam erst, dann in aufglimmender Hoffnung rascher und straffer ging er den schattigen Weg zum Atelier. Da nahm er die Türklinke in die Hand und blieb stehen, um zu lauschen. Ja, der Papa war drinnen, er hörte ihn schnauben und räuspern, und er hörte das hölzerne Geräusch der fein klappernden Pinselstiele, die er in der Linken hielt.
Vorsichtig drückte er die Klinke herab, öffnete die Türe geräuschlos und steckte den Kopf hinein. Der heftige Geruch von Terpentin und Lack war ihm zuwider, aber des Vaters breite, starke Gestalt erweckte Hoffnung. Pierre trat ein und schloß die Türe hinter sich.
Beim Einschnappen der Klinke zuckte der Maler, von Pierre aufmerksam beobachtet, mit den breiten Schultern und wendete den Kopf zurück. Die scharfen Augen blickten beleidigt und fragend herüber und der Mund stand unangenehm offen.
Pierre rührte sich nicht. Er sah dem Vater in die Augen und wartete. Alsbald wurden dessen Augen freundlicher und sein böses Gesicht kam in Ordnung.
„Sieh da, Pierre! Wir haben uns einen ganzen Tag nicht gesehen. Hat Mama dich hergeschickt?“
Der Kleine schüttelte den Kopf und ließ sich küssen.
„Willst du ein wenig bei mir sein und zusehen?“ fragte der Vater freundlich. Zugleich wandte er sich wieder seinem Bilde zu und zielte scharf mit einem spitzen Pinselchen auf einen Fleck. Pierre sah zu. Er sah den Maler auf seine Leinwand blicken, sah seine Augen gespannt und wie zornig starren und seine starke, nervöse Hand mit dem dünnen Pinsel zielen, er sah ihn die Stirnfalten spannen und die Unterlippe mit den Zähnen fassen. Dazu roch er die scharfe Werkstattluft, die er nie gern gehabt hatte und die ihm heut besonders widerlich war.
Seine Augen erloschen und er blieb wie gelähmt bei der Türe stehen. Er kannte das alles, diesen Geruch und diese Augen und diese Grimassen der Aufmerksamkeit, und er wußte, es war töricht gewesen zu erwarten, daß es heute anders sei als immer. Der Vater arbeitete, er wühlte in seinen starkriechenden Farben und dachte an nichts in der Welt als an seine dummen Bilder. Es war töricht gewesen, hier hereinzukommen.
Die Enttäuschung ließ des Knaben Gesicht erschlaffen. Er hatte es ja gewußt! Es gab heute keine Zuflucht für ihn, bei der Mutter nicht und hier erst recht nicht.