Herrgott, Alter, noch vierzehn Tage! Es wird Dich einige Dutzend Flaschen Mosel kosten. Es sind mehr als vier Jahre seit dem letztenmal.

Brieflich bin ich zwischen dem 9. und 14. in Antwerpen, Hotel de l’Europe, zu erreichen. Falls Du irgendwo, wo ich durchreise, Bilder ausgestellt hast, laß mich’s wissen!

Dein Otto.

Vergnügt überlas er den kurzen Brief mit den gesunden, strammen Buchstaben und temperamentvollen Satzzeichen noch einmal, suchte aus der Lade des kleinen Schreibtisches in der Ecke einen Kalender heraus und nickte, darin lesend, mit Befriedigung vor sich hin. Es würden noch bis zur Mitte des Monats über zwanzig Bilder von ihm in Brüssel ausgestellt sein, das traf sich glücklich. So würde der Freund, dessen scharfen Blick er ein wenig fürchtete und dem die Zerrüttung seines Lebens in den letzten Jahren nicht verborgen bleiben konnte, wenigstens einen ersten Eindruck von ihm haben, auf den er stolz sein konnte. Das erleichterte alles. Er stellte sich Otto vor, wie er in seiner ein wenig massiven Überseeereleganz durch den Brüsseler Saal ging und seine Bilder betrachtete, seine besten Bilder, und für einen Augenblick freute er sich herzlich, daß er sie zu jener Ausstellung hergegeben hatte, obwohl nur wenige davon noch verkäuflich waren. Und er schrieb sofort ein Billett nach Antwerpen.

„Er weiß noch alles,“ dachte er dankbar, „es stimmt, wir haben das letztemal fast nur Mosel getrunken, und einen Abend haben wir sogar richtig gezecht.“

Er dachte nach und fand, es sei gewiß kein Moselwein mehr im Keller, den er selbst sehr selten besuchte, und er beschloß, noch heute eine Sendung zu bestellen.

Nun setzte er sich aufs neue vor die Arbeit, fand sich aber zerstreut und innerlich unruhig und kam nicht wieder zur reinen Konzentration, bei welcher die guten Einfälle ungerufen dastehen. So stellte er die Pinsel in einen Becher, steckte den Brief seines Freundes zu sich und schlenderte mit unentschlossenen Schritten ins Freie hinaus. Der See blitzte ihm mit heftiger Spiegelung entgegen, es war ein wolkenloser Sommertag aufgegangen und der durchsonnte Park hallte von vielen Vogelstimmen wider.

Er sah auf die Uhr. Pierres Morgenlektionen mußten vorüber sein. Und er strich ziellos durch den Park, blickte zerstreut die braunen, mit Sonnenflecken bedeckten Wege entlang, horchte nach dem Hause hinüber, ging an Pierres Spielplatz mit der Schaukel und dem Sandhaufen vorbei. Schließlich kam er in die Nähe des Küchengartens und schaute mit flüchtigem Interesse in die hohen Kronen der Roßkastanien hinauf, auf deren schattentiefen Blättermassen die letzten freudig hellen Blütenkerzen standen. Bienen schwärmten mit wellig leisem Geläute um die vielen halboffenen Rosenknospen der Gartenhecke, durch das dunkle Laub der Bäume her tat die frohe kleine Turmuhr des Herrschaftshauses ein paar Schläge. Sie schlug falsch, und Veraguth dachte wieder an Pierre, dessen höchster Wunsch und Ehrgeiz es war, später einmal, wenn er größer wäre, das alte Schlagwerk wieder in Ordnung zu bringen.

Da hörte er jenseits der Hecke Stimmen und Schritte, die in der sonnigen Gartenluft mit Bienensummen und Vogelrufen, mit dem träge hinziehenden Duft der Buschnelkenrabatte und der Bohnenblüten gedämpft und zart zusammenklangen. Es war seine Frau mit Pierre, und er blieb stehen und lauschte aufmerksam hinüber.

„Sie sind noch nicht reif, du mußt noch ein paar Tage warten,“ hörte er die Mutter sagen.