Es reißt mich allenthalben!
Veraguth gab sich Mühe, er las so frisch und schelmisch, als er irgend konnte, und Pierre lächelte dankbar. Doch schienen die Verse nicht mehr ihre alte Kraft zu haben, als sei Pierre, seit er sie nimmer gehört, um Jahre älter geworden. Mit den Bildern und Versen kam wohl die Erinnerung an viele helle, lachend frohe Tage wieder, die alte Freude und übermütige Lust aber konnte nicht wiederkommen, und ohne es zu begreifen, blickte der Kleine in die eigene Kindheit, die vor Tagen, vor Wochen noch Wirklichkeit gewesen war, schon mit der Sehnsucht und Trauer eines Erwachsenen hinüber. Er war kein Kind mehr. Er war ein Kranker, dem die Welt der Wirklichkeit schon entglitten war und dessen hellsichtig gewordene Seele schon überall und ringsum mit ängstlicher Witterung den wartenden Tod erfühlte.
Dennoch war dieser Morgen voll Licht und Glück, nach all den furchtbaren Tagen. Pierre war still und dankbar und Veraguth fand sich wider seinen Willen immer wieder von ahnender Hoffnung berührt. Es war am Ende doch möglich, daß der Knabe ihm erhalten blieb! Und dann gehörte er ihm; ihm allein!
Der Sanitätsrat kam und blieb lange an Pierres Bett, ohne ihn mit Fragen und Untersuchungen zu quälen. Erst jetzt kam auch Frau Adele dazu, die sich mit der Pflegerin in die letzte Nachtwache geteilt hatte. Sie war von der merkwürdigen Besserung wie benommen, sie hielt Pierres Hände so fest, daß es ihm weh tat, und gab sich keine Mühe, die erlösenden Tränen zu verbergen, die ihr aus den Augen liefen. Auch Albert durfte eine kleine Weile hereinkommen.
„Es ist wie ein Wunder,“ sagte Veraguth zum Doktor. „Sind Sie nicht auch überrascht?“
Der Sanitätsrat nickte und lächelte freundlich. Er widersprach nicht, aber er zeigte offenbar keine übermäßige Freude. Sogleich wurde der Maler wieder von Mißtrauen überfallen. Er beobachtete jede Gebärde des Arztes und er sah in dessen Augen, während sein Gesicht lächelte, die kalte Aufmerksamkeit und beherrschte Sorge ungelöst. Nachher belauschte er lauernd durch den Türspalt das Gespräch des Doktors mit der Pflegerin, und obwohl er kaum ein Wort davon verstehen konnte, meinte er doch aus dem strengen, gemessen ernsten Flüsterton nichts als Gefahr herauszuhören.
Schließlich begleitete er ihn zum Wagen und fragte in der letzten Minute: „Sie halten nicht viel von dieser Besserung?“
Das häßliche, beherrschte Gesicht wandte sich zu ihm zurück. „Seien Sie froh, daß er ein paar gute Stunden hat, der arme Bursche! Wir wollen hoffen, daß es recht lange anhält.“
Es stand nichts von Hoffnung in seinen klugen Augen zu lesen.
Eilig, um keinen Augenblick zu verlieren, kehrte er ins Krankenzimmer zurück. Die Mutter erzählte gerade die Geschichte vom Dornröschen, er setzte sich daneben und sah zu, wie Pierres Züge dem Märchen folgten.