Das tat sie gerne, und sie empfand es als eine Freundlichkeit von ihm, daß er daran gedacht hatte.

Erst gegen Morgen folgte sie dem Zureden ihres Mannes und ging zu Bett. Bei Tagesanbruch erschien die Pflegerin und löste ihn ab. Bei Pierre hatte sich nichts verändert.

Unschlüssig ging Veraguth durch den Park, er hatte keine Lust, noch zu schlafen. Doch mahnten ihn die brennenden Augen und ein ersticktes, schlaffes Gefühl der Haut. Er badete im See und hieß Robert Kaffee bringen. Dann betrachtete er im Atelier seine Waldstudie. Sie war frisch und flott gemalt, aber es war doch nicht eigentlich das, was er gesucht hatte, und nun war es mit dem geplanten Bilde und mit dem Malen auf Roßhalde vorbei.

Siebzehntes Kapitel

Seit einigen Tagen war es Pierre immer gleich gegangen. Ein- oder zweimal am Tage bekam er Krämpfe und Schmerzanfälle, sonst lag er mit dämmernden Sinnen halbschlummernd. Das warme Wetter hatte sich inzwischen in einer ganzen Reihe von Gewittern erschöpft, es war kühl geworden, und im schwach strömenden Regen verlor der Garten und die Welt den satten Sommerglanz.

Veraguth hatte die Nacht endlich einmal wieder im eigenen Bett zugebracht und viele Stunden tief geschlafen. Jetzt, da er sich bei offenen Fenstern entkleidete, nahm er erst die trübe Kühle wahr; in den letzten Tagen war er wie in Fiebermüdigkeit einhergegangen. Er beugte sich aus dem Fenster und atmete, vor Kühle leise schauernd, die Regenluft des lichtlosen Morgens ein. Es roch nach nasser Erde und nach Herbstnähe, und er, der die Merkmale der Jahreszeiten mit überfeinen Sinnen zu erfühlen gewohnt war, bemerkte mit Verwunderung, wie ihm dieser Sommer fast ohne Spur wie ungefühlt entschwunden war. Ihm schien es, als habe er in Pierres Krankenzimmer nicht Tage und Nächte, sondern Monate hingebracht.

Er warf den Gummimantel über und ging ins Haus. Er erfuhr, der Kleine sei früh erwacht, schlafe aber seit einer Stunde wieder, und so leistete er Albert beim Frühstück Gesellschaft. Der große Junge nahm sich Pierres Krankheit sehr zu Herzen und litt, ohne es merken lassen zu wollen, unter der gedämpften Krankenatmosphäre und sorgenschweren Bedrücktheit des Hauses.

Als Albert weggegangen war, um sich in seinem Zimmer an die Schularbeiten zu machen, ging Veraguth zu Pierre, der noch schlief, und nahm seinen Platz am Bette ein. Er hatte in diesen Tagen manchmal gewünscht, es möge doch lieber rasch zu Ende gehen, schon um des Kindes willen, das längst kein Wort mehr sprach und so erschöpft und gealtert aussah, als wisse es selber, daß ihm nicht mehr zu helfen sei. Dennoch wollte er keine Stunde versäumen und hielt seinen Posten am Krankenbett mit einer eifersüchtigen Leidenschaft inne. Ach, wie oft war der kleine Pierre einst zu ihm gekommen und hatte ihn müde oder gleichgültig gefunden, in die Arbeit vertieft oder an Sorgen verloren, wie oft hatte er zerstreut und ohne Teilnahme diese kleine magere Hand in der seinen gehalten und kaum auf die Worte des Kindes gehört, deren jedes nun eine unschätzbare Kostbarkeit geworden war! Davon war nichts gutzumachen. Aber jetzt, da der arme Kerl in Qualen lag und allein mit seinem unbewehrten, verwöhnten Kinderherzen dem Tod gegenüberstand, jetzt, da er in wenigen Tagen alle Lähmung, allen Schmerz und alle angstvolle Verzweiflung durchkosten mußte, mit denen Krankheit, Schwäche, Altern und Todesnähe ein Menschenherz schrecken und erdrücken, jetzt wollte er immer und immer bei ihm sein. Er wollte es, um sich selbst zu strafen und weh zu tun, und er wollte es, um ja nicht zu fehlen und vermißt zu werden, wenn je ein Augenblick käme, wo der Kleine nach ihm begehren würde und wo er ihm einen kleinen Dienst, ein wenig Liebe erweisen könnte.

Und siehe, an diesem Morgen wurde er belohnt. An diesem Morgen schlug Pierre die Augen auf, lächelte ihn an und sagte mit einer schwachen, zärtlichen Stimme: „Papa!“

Dem Maler schlug das Herz stürmisch, als er endlich die lang vermißte Stimme wieder hörte, die ihn rief und sich zu ihm bekannte und die so dünn und schwach geworden war. So lange hatte er diese Stimme nur noch stöhnen und in dumpfen Leiden elend lallen hören, daß er vor Freude tief erschrak.