Pierre war an diesem Abend sehr ruhig. Es brannte ein kleines Nachtlicht auf dem Tische, dessen schwacher Schein den kleinen Raum nicht füllte und sich gegen die Türe hin in braune Dämmerung verlor. Veraguth hörte noch lange dem Atmen des Knaben zu, dann legte er sich auf den schmalen Diwan, den er sich hatte hereinbringen lassen.

In der Nacht, gegen zwei Uhr, erwachte Frau Adele, machte Licht und stand auf. Die Kerze in der Hand, kam sie in einen Schlafrock gehüllt herüber. Sie fand alles still. Pierre zitterte leicht mit den Wimpern, als das Licht sein Gesicht berührte, wachte aber nicht auf. Und auf dem Diwan lag, in den Kleidern und leicht zusammengekrümmt, ihr Mann im Schlafe.

Sie leuchtete auch ihm ins Gesicht und blieb eine kleine Weile bei ihm stehen. Und sie sah sein Gesicht aufrichtig und unverstellt, mit allen Falten und ergrauten Haaren, die Wangen erschlafft und die Augen unterhöhlt.

„Auch er ist alt geworden,“ dachte sie mit einer Empfindung, die halb Mitleid und halb Genugtuung war, und fühlte sich versucht, ihm das struppige Haar zu streicheln. Doch tat sie es nicht. Sie ging unhörbar wieder hinaus, und als sie nach Stunden morgens wiederkam, saß er längst wach und aufmerksam an Pierres Bett und sein Mund und der Blick, mit dem er grüßte, war wieder straff von der geheimnisvollen Kraft und Entschlossenheit, in die er seit Tagen wie in einen Panzer gehüllt ging.

Für Pierre kam heute ein schlechter Tag. Er schlief lange und lag dann mit offenen Augen und erstarrtem Blick, bis eine neue Welle von Schmerzen ihn erweckte. Er warf sich tobend im Bett umher, ballte die kleinen Fäuste und drückte sie auf die Augen, sein Gesicht war bald totenhaft weiß, bald glühend rot. Und dann begann er zu schreien, in ohnmächtiger Empörung gegen unerträgliche Qualen, und schrie so lange und so jammervoll, daß sein Vater schließlich blaß und vernichtet hinweggehen mußte, weil er es nimmer mit anhören konnte.

Er ließ den Arzt kommen, der an diesem Tage noch zweimal wiederkehrte und am Abend eine Pflegerin mitbrachte. Gegen Abend verlor Pierre das Bewußtsein, man schickte die Pflegerin zu Bett und Vater und Mutter blieben die ganze Nacht wach im Gefühl, das Ende könne nimmer fern sein. Der Kleine rührte sich nicht und sein Atem ging unregelmäßig, aber kräftig.

Veraguth und seine Frau aber dachten beide an die Zeit, da Albert einst sehr krank gewesen war und sie ihn gemeinsam gepflegt hatten. Und sie empfanden beide, daß wichtige Erlebnisse sich nicht wiederholen können. Mild und etwas müde sprachen sie mit flüsternden Stimmen über das Krankenbett hinweg miteinander, aber kein Wort von der Vergangenheit, kein Wort von damals. Gespenstisch berührte sie die Ähnlichkeit der Situation und des Geschehens, sie selbst waren andere geworden, sie waren nicht mehr dieselben Menschen, die damals genau so wie jetzt über ein todkrankes Kind gebeugt miteinander gewacht und gelitten hatten.

Albert hatte indessen, von der stillen Unruhe und schleichenden Sorge im Hause bedrückt, nicht einschlafen können. Mitten in der Nacht erschien er auf Zehenspitzen halbangekleidet in der Türe, kam mit erregtem Flüstern herein und fragte, ob er nichts tun, nicht etwas helfen könne.

„Danke,“ sagte Veraguth, „aber es ist nichts zu tun. Geh du schlafen und bleibe gesund!“

Aber als jener gegangen war, bat er seine Frau: „Geh du ein wenig zu ihm hinüber und tröste ihn.“