Es war Abend, als er staubig und todmüde nach Hause kam. Der Arzt war schon dagewesen, aber Frau Adele war ruhig und schien noch nichts zu wissen.

Während der Abendmahlzeit unterhielt sich Veraguth mit Albert über die Pferde. Er fand immer wieder etwas zu sagen, und Albert ging darauf ein. Sie sahen, daß Papa sehr müde sei, sonst nichts. Er aber dachte mit fast höhnischem Ingrimm immer wieder: „Ich könnte den Tod in den Augen haben und sie würden nichts merken! Das ist meine Frau, und das ist mein Sohn! Und Pierre stirbt!“ So dachte er in traurigem Kreislauf, während er mit hölzerner Zunge Worte formte, die niemanden interessierten. Und dann kam noch ein Gedanke dazu: „So ist es recht! So will ich allein mein Leid austrinken, bis der letzte bittere Tropfen erschöpft ist. So will ich sitzen und heucheln und meinen armen Kleinen sterben sehen. Und wenn ich dann noch lebe, dann ist nichts mehr, das mich bindet, und nichts, das mir weh tun kann, dann will ich gehen und will nie in meinem Leben mehr lügen, nie mehr einer Liebe glauben, nie mehr abwarten und feig sein ... Dann will ich nur noch Leben und Tat und Vorwärtsgehen kennen, keinen Frieden mehr, keine Trägheit mehr.“

In dunkler Wollust fühlte er das Weh in seinem Herzen brennen, wild und unerträglich, aber rein und groß, wie er noch nichts und noch nie gefühlt hatte, und vor der göttlichen Flamme sah er sein kleines, unfrohes, unaufrichtiges und mißgestaltetes Leben wertlos dahinsinken, keines Gedankens und nicht einmal eines Tadels mehr wert.

So saß er noch eine Abendstunde lang im halbdunkeln Krankenzimmer bei dem Knaben, und so lag er eine brennend schlaflose Nacht, mit Inbrunst seinem fressenden Leid hingegeben, nichts hoffend und nichts begehrend, als von diesem Feuer verzehrt und reingebrannt zu werden bis in die letzte zuckende Faser. Er verstand, daß es so sein müsse, daß er gerade das Liebste und Beste und Reinste, was er besessen, weggeben und sterben sehen müsse.

Sechzehntes Kapitel

Es ging Pierre schlecht, und sein Vater saß beinahe den ganzen Tag bei ihm. Der Knabe hatte immerzu Kopfschmerzen, er atmete rasch und jeder Atemzug war ein kleines, banges Stöhnen. Zuweilen wurde sein kleiner, magerer Körper von kurzen Zuckungen geschüttelt oder bäumte sich in steilem Bogen auf. Dann lag er wieder lange vollkommen regungslos, und schließlich überfiel ihn ein krampfhaftes Gähnen. Dann schlief er eine Stunde und begann nach dem Erwachen wieder dieses regelmäßige, klagende Seufzen, mit jedem Atemzug.

Er hörte nicht, was man zu ihm sagte, und wenn man ihn, fast mit Gewalt, emporrichtete und ihm zu essen eingab, nahm er es in mechanischer Gleichgültigkeit. Beim schwachen Licht, denn die Vorhänge waren dicht geschlossen, saß Veraguth lange Zeit mit tiefer Aufmerksamkeit über den kleinen Knaben gebückt und schaute mit frierendem Herzen zu, wie aus dem hübschen vertrauten Knabengesicht ein lieber zarter Zug um den andern abhanden kam und dahinschwand. Was übrigblieb, war ein bleiches frühaltes Gesicht, eine unheimliche Maske des Leidens, mit vereinfachten Zügen, in welchen nichts als Schmerz und Ekel und tiefes Grauen zu lesen war.

Zuweilen sah der Vater dieses entstellte Gesicht in Augenblicken des Schlummers weich werden und einen Schimmer vom verlorenen Liebreiz seiner gesunden Tage wiedergewinnen, dann schaute er unverwandt mit dürstender Liebesgier, sich die hinsterbende Lieblichkeit noch einmal und noch einmal einzuprägen. Dann schien ihm, in seinem ganzen Leben habe er nie gewußt, was Liebe sei, nie bis zu diesen Augenblicken des Wachens und Schauens.

Frau Adele war tagelang ahnungslos geblieben, erst allmählich hatte sie Veraguths gespanntes und sonderbar entrücktes Wesen bemerkt und schließlich beargwöhnt, und wieder erst nach Tagen begann sie den Zusammenhang zu ahnen. Da nahm sie ihn an einem Abend, als er Pierres Zimmer verließ, beiseite und sagte kurz mit einem Ton von Kränkung und Bitterkeit: „Was ist nun mit Pierre? Was ist es? Ich sehe, daß du etwas weißt.“

Er sah sie wie aus tiefer Zerstreutheit an und sagte mit trockenen Lippen: „Ich weiß nicht, Kind. Er ist sehr krank. Siehst du das nicht?“