„Leben vielleicht zwei davon noch, oder eins?“
Es kam keine Antwort.
Der Arzt hatte sich, wie unwillig, zum Schreibtisch gewendet und ein Fach geöffnet.
„Werfen Sie die Flinte nicht so ins Korn!“ sagte er mit verändertem Ton. „Ob Ihr Kind davonkommt, wissen wir nicht. Es ist in Gefahr, und wir müssen ihm helfen, soviel wir können. Wir alle müssen ihm helfen, verstehen Sie, und Sie auch. Ich brauche Sie. – – Ich komme abends noch einmal hinaus. Für alle Fälle gebe ich Ihnen hier ein Schlafpulver mit, vielleicht können Sie selbst es brauchen. Und nun hören Sie: der Kleine muß volle Ruhe haben und soll möglichst kräftige Nahrung bekommen. Das ist die Hauptsache. Wollen Sie daran denken.“
„Gewiß. Ich werde nichts vergessen.“
„Wenn er Schmerzen hat oder sehr unruhig wird, helfen laue Bäder oder Wickel. Haben Sie einen Eisbeutel? Ich werde einen mitbringen. Sie haben doch Eis draußen? Also gut. – Wir wollen hoffen, Herr Veraguth! Es geht jetzt nicht an, daß einer von uns den Mut verliert, wir müssen alle auf dem Posten sein. Nicht wahr?“
Er schöpfte aus Veraguths Gebärde Vertrauen und begleitete ihn hinaus.
„Wollen Sie meinen Wagen haben? Ich brauche ihn erst um fünf Uhr wieder.“
„Danke, ich gehe zu Fuß.“
Er ging die Straße hinab, die leer war wie vorher. Aus jenem offenen Fenster klang immer noch die unfrohe Schülermusik. Er sah auf die Uhr, es war nur eine halbe Stunde vergangen. Langsam ging er weiter, Straße um Straße, rundum durch die halbe Stadt. Er scheute sich, sie zu verlassen. Hier drinnen, in diesem blöden armen Häuserhaufen, da war Medizingeruch und Krankheit, da war Not und Angst und Tod zu Hause, da trugen hundert freudelos schmachtende Gassen alles Schwere mit und man war nicht allein. Aber draußen, schien ihm, unter Bäumen und klarem Himmel, zwischen Sensengeläute und Grillenzirpen mußte der Gedanke an das alles viel schrecklicher, viel sinnloser, viel verzweifelter sein.