Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dem eisernen Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstraße suchte, schlug ihr das Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.

„Unmöglich!“ sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. — „Unmöglich — unmöglich!“

Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.

Dies blonde, joviale Gesicht — das breite Lächeln, die Wohlbehäbigkeit, die Überhebung in jedem Wort, die herablassende Höflichkeit gegen die Mutter und sie selbst!

Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn, dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.

Und seine plumpen Fäuste hatten sich von solch’ einem armen, unseligen Herzen losgemacht und seine plumpen Füße waren über ein Menschenwesen hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!

Als die Thüre geöffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte kommen. Dann erfuhr sie das „zu spät“.

„Die müssens schon jetzt hierlassen.“

Isolde stand ratlos.

Die Thüre wurde geschlossen.