Des Haders müde, verlasse ich Hotel und Cremerie, ausgeplündert, Bücher und Bibelots zurücklassend, nackt wie ein kleiner Johannes. Und ziehe am 21. Februar 1896 ins Hotel Orfila ein.
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Das Fegefeuer.
Hotel Orfila, das wie ein Kloster aussieht, ist ein Pensionat für die Studierenden der katholischen Gesellschaft. Ein liebenswürdiger und milder Abbe hat die Aufsicht. Ruhe, Ordnung und gute Sitten herrschen hier. Was mich aber besonders nach so vielen Verdriesslichkeiten tröstet, ist, dass Frauen hier nicht zugelassen werden.
Das Haus ist alt; die Zimmer niedrig, die Korridore dunkel, und die hölzernen Treppen schlängeln sich wie in einem Labyrinth. In diesem Gebäude ist eine Atmosphäre von Mystik, die mich lange angezogen hat. Mein Zimmer geht auf eine Sackgasse hinaus; von der Mitte aus sieht man nur eine moosbewachsene Mauer mit zwei runden Fensterchen; sitze ich aber an meinem Tisch vorm Fenster, so blicke ich auf eine entzückende Landschaft, die ich nicht erwartet hätte.
Hinter einer Ringmauer, die mit Efeu bedeckt ist, liegt der Hof eines Klosters für junge Mädchen unter Platanen, Paulownien, Robinien. Eine köstliche Kapelle im Spitzbogenstil. Etwas weiter sind hohe Mauern mit unzähligen vergitterten Fensterchen zu sehen, die mich an ein Kloster denken lassen; dahinter im Tal ein Wald von Schornsteinen, die halbverborgene alte Häuser krönen; und in der Ferne der Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs, mit dem Kreuz und, ganz oben, dem Hahn.
In meinem Zimmer hängt ein Kupferstich mit dem heiligen Vincenz de Paul, ein zweiter, mit Sankt Peter, hängt im Alkoven über dem Bett. Der Pförtner des Himmels! Welche beissende Ironie für mich, der vor einigen Jahren den Apostel in einem phantastischen Drama lächerlich gemacht hat.
Mit meinem Zimmer sehr zufrieden, schlafe ich die erste Nacht gut.
Am nächsten Morgen entdecke ich, dass der Abtritt in dem Gässchen unter meinem Fenster liegt, und zwar so nahe, dass man das Auf- und Zuklappen des eisernen Deckels hört. Weiter erfahre ich, dass die beiden runden Fensterchen gegenüber ebenfalls zu Abtritten gehören. Schliesslich vergewissere ich mich, dass die hundert Fensterchen im Hintergrund des Tals zu ebenso viel Abtritten gehören, die auf der Hofseite einer Reihe Häuser liegen.