Das Diner wird nicht so lebhaft, wie ich erwartet habe. Der Wein ist von dieser schlechten Sorte, die verstimmt. Da ich nicht mehr daran gewöhnt bin, zu hören und zu sprechen, wird das Gespräch stockend und ermüdend. Die Hoffnung, die alte Stimmung beim Kaffee auf dem Trottoir wieder zu finden, verwirklicht sich nicht, und bald stellt sich dieses furchtbare Schweigen ein, das verkündet, dass man sich trennen möchte.

Lange kämpfen wir gegen die wachsende Verlegenheit, aber vergebens. Bereits um neun Uhr brechen wir auf, und meine Gemütsverfassung ahnend, geht der Kamerad seinen eigenen Weg, in dem er eine Zusammenkunft vorschützt. Allein, empfinde ich sofort eine unbeschreibliche Erleichterung; die Unlust hört auf, der Kopfschmerz verschwindet und es ist, als ob die Windungen im Gehirn und das Flechtwerk der Nerven mit denen eines andern verwickelt gewesen wären, aber jetzt anfingen sich zu entwirren. Wahrhaftig, die Einsamkeit hat mein Persönlichkeit so empfindsam gemacht, dass ich nicht den Kontakt des Fluidums eines Fremden ertrage. Ruhig, aber mit einer Illusion weniger, kehre ich nach Hause zurück, froh, wieder in meiner Zelle zu sein; aber glücklich darin, merke ich, dass das Zimmer sich unähnlich ist, nicht mehr dasselbe, dass eine Unlust sich dort häuslich niedergelassen hat. Möbel und Kleinigkeiten haben ihre Plätze behalten, machen aber einen fremden Eindruck: es ist jemand da gewesen und hat etwas hinterlassen. Ich fühle mich nicht wohl.

Am nächsten Tage merke ich bereits die Veränderung, und ich muss hinaus, um Gesellschaft zu suchen, finde aber keine. Am dritten Tage gehe ich nach Übereinkunft zu meinem Freund, dem Künstler, um seine Radierungen zu besehen. Er wohnt in Marais. Ich frage den Torhüter, ob er zu Hause ist. Ja, aber er sitzt unten im Café mit seiner Dame. Da ich seiner Dame nichts zu sagen hatte, gehe ich wieder.

Am folgenden Tage lenke ich die Schritte wieder nach Marais, und da der Mann zu Hause ist, beginne ich die sechs Treppen zu steigen. Als ich drei überwunden habe, die sich eng wie Turmtreppen in einer Röhre schlängeln, erwacht eine Erinnerung an einen Traum und eine Wirklichkeit. Der Traum, der oft wiederkehrt, handelt von einer solchen schraubenden, drängenden Treppe, in der ich krieche, bis ich ersticke, da sie immer enger wird. Das erste Mal kam mir mein Traum wieder im Turm zu Putbus, und ich kehrte sogleich nach unten zurück. Jetzt stehe ich hier, beklommen, keuchend, mit klopfendem Herzen, doch beschliesse ich zu steigen. Und ich schraube mich hinauf, komme ins Atelier und treffe den Freund mit seiner Dame. Als ich aber fünf Minuten gesessen habe, habe ich einen Schmerz tief im Kopfe und sage:

—Mein guter Freund, es sieht aus, als ob ich nicht mit Ihnen verkehren dürfte, denn Ihre Treppen töten mich. Ich habe jetzt den bestimmten Eindruck: steige ich noch einmal hier herauf, so sterbe ich.

—Aber Sie sind ja neulich den Montmartre und die Treppen zu Sacré-Coeur hinaufgestiegen.

—Ja, es ist wunderbar.

—Nun, wandte er ein, dann komme ich zu Ihnen, und wir essen abends zusammen.

Am Tage darauf essen wir wirklich zusammen und kommen in eine gute Stimmung, die man bei Tische sucht. Man behandelt einander mit Achtung, vermeidet es, Unannehmlichkeiten zu sagen, entdeckt Sympathien, stellt sich auf des andern Standpunkt und hat die Illusion, in allen Fragen einig zu sein. Nach dem Essen, da der Abend mild ist, setzen wir das Gespräch fort und ziehen über den Fluss auf die Boulevards, Trottoir und Tisch wechselnd, bis wir schliesslich die Höhe am Café du Cardinal erreicht haben. Da ist es Mitternacht, aber wir sind noch lange nicht müde, und nun beginnen diese wunderbaren Stunden, da die Seele sich aus ihrer Hülle löst und die Seelenkräfte, die zu Träumen gewandt werden sollten, in wachen und klaren Konzeptionen, geschärften Blicken in Vergangenheit und Zukunft verbraucht werden. Während dieser Nachtstunden ist es, als halte sich mein Geist über und ausserhalb meines Körpers, der wie ein für mich fremde Person dasitzt. Das Trinken ist Nebensache und nur dazu da, den Schlaf fern zu halten, vielleicht die Schleussen des Gedächtnisses zu öffnen, die mein ganzes grosses Lebensmaterial herauslassen, so dass ich in jedem Augenblick Tatsachen, Jahreszahlen, Szenen, Rede und Gegenrede daraus schöpfen kann. Das ist die Freude und das Machtgefühl des Rausches für mich, aber ein Okkultist, ein religiöser, hat mir auch gesagt, dass es Sünde sei, denn man nehme einen Vorschuss auf die Seligkeit, die gerade in der Befreiung der Seele von der Materie bestehe; deshalb werde auch dieser Übergriff mit den schrecklichen Qualen bestraft, die am andern Tage folgen und an die Unseligkeit erinnern sollen.

Man fängt an, uns mit Symptomen der Schliessung zu beunruhigen, und da ich noch nicht schliessen will, nenne ich das Wort Baratte, und mein Freund ist sofort bereit.