So mahlt und mahlt die ewige Sündenmühle; dieselben Anklagen, dieselben Verteidigungen. Sisyphus, der seinen Stein rollt, die Danaïden, die mit ihrem Sieb schöpfen: wahrhaftig, scheinen nicht die Strafen ewige zu sein!

Als ich in meine Zelle zurückkehre, finde ich, dass die Uhr erst neun ist, und öffne die Bibel, um Aufklärung und Ruhe zu finden. Als ich aber in den Psalmen Davids zu den grauenhaften Flüchen komme, die er mit Gebeten auf seine Feinde herabruft, kann ich nicht länger dabei sein: ich habe nur einen Feind, das bin ich; die andern, die mich quälen, haben ein Recht dazu, und es ist immer zu meinem Besten gewesen, und ich habe eben gelernt, das man seinen Feinden verzeihen soll: die Theosophen haben mir sogar gesagt, dass das Gebet schwarze Magie ist, dass Böses über Feinde erbitten envoütment ist d. h. Verhexungen, die mit dem Scheiterhaufen bestraft wurden! Mein alter Freund Hiob tröstet mich nicht mehr, denn ich bin teils kein gerechter Mann, wie bekannt, teils finde ich seine Kritik über des Ewigen Handlungsweise ebenso gottlos wie meine aufrührerischen Reden und Gedanken.

Da werfe ich mich auf das Neue Testament und stosse auf Paulus, der gleich mir ein Saulus gewesen ist und mir deshalb viel zu sagen haben müsste. Gewisse meiner Fehler finde ich bei ihm wieder, aber nicht darum habe ich ihn aufgesucht; und ich verstehe noch nicht, wie man den Mut haben kann, Strafpredigten zu halten und zum Satan zu verurteilen, wenn man mit beiden Beinen im Sündenpfuhl steht. Sein Eifer macht ihn kindlich und deshalb momentan sympathisch, so, wenn er einen Korintherbrief mit dem Bekenntnis beginnt: "Ich, Paul, der Euch verächtlich scheint, wenn ich Euch nahe bin, aber der voll von Kühnheit ist, wenn ich weit von Euch bin." Ich kann auf die Worte dieses Mannes nicht lauschen, als seien sie von Gott gekommen, da er alle meine Schwächen hat, die ich mit seiner Hilfe fortarbeiten wollte. Wie soll ich die Demut bewahren, wenn mein Lehrer zwei lange Briefe voll Prahlerei über sich schreibt. "Ich erachte, dass ich in nichts den ausgezeichnetsten Aposteln unterlegen gewesen bin." Oder: "Niemand betrachte mich als einen Törichten; wenn doch, so habe Geduld mit meinem Unverstand, dass ich mich auch ein wenig rühme." Und dann zählt er seine Leiden auf (ganz wie ich, obwohl ich schliesslich eingesehen habe, dass meine Leiden wohl verdient waren). "Ich habe mehr des Tages Last getragen als die andern, mehr Wunden, mehr Gefängnis. Von den Juden habe ich fünfmal empfangen vierzig Streiche weniger eins; gestäupt dreimal; gesteinigt wurde ich einmal usw."

Da finde ich meine Schosssünden wieder und, was schlimmer ist, deren Verteidigung. "Ich bin töricht gewesen, da ich mich rühmte, aber Ihr habt mich dazu gezwungen, denn es stand Euch an, Gutes von mir zu reden, da ich, wie bekannt, in keinem Punkt den höchsten Aposteln unterlegen gewesen bin, wiewohl ich nichts bin." Die letzten Worte offenbaren das unsinnig Falsche in dieser gepriesenen Demut, mit welcher der Hochmut prahlt; und das entzündete in mir von neuem den Unwillen, den ich schon in meiner Jugend gegen diesen Propheten der Reiseprediger hegte, dessen Stil sie so gut nachzuahmen verstanden. Und ich verliess den Schüler, um vom Meister selbst Worte der Weisheit zu hören. Aber ich weiss nicht, welcher Dämon an diesem Abend, da ich allein und zerknirscht bin, die Blätter wendet, vielleicht das Gesicht verkehrt, so dass das Buch, das Antwort auf alles und Heilung für alles hat, mich nur täuscht und mir ins Angesicht schlägt. Als ich lese, wie Christus die Ehebrecherin freispricht, fühle ich die bodenlosen Zweifel wieder aufsteigen von den Toten. Es war 1872, als ich in meinem Jugenddrama "Meister Olof" den Reformator die Hure, Magdalena, mit ungefähr denselben Worten freisprechen liess. Was folgte darauf? Dieser Katarakt von Freisprechungen, und zwar von allen moralischen Verpflichtungen, der durch die Literatur über die Gesellschaft strömte und alles aufgelöst hat, Familie, Sitte, Ehre, Glauben. Und diese Befreiung, die auf edler Humanität fusste und Christi Gebot "richte nicht" gehorchte, die wird nun von "den Mächten" desavouiert, indem sie die Befreier mit Schrecken und neuen Plagen schlagen! Christi Nachfolger! Nein, nicht einmal die Bibel, nicht Christus, nicht Humanität——nichts.

Ich bin jetzt vollständig bankerott! Des Umgangs mit der Menschen beraubt, ohne zu wissen, warum; des Interesses für die Wissenschaften verlustig, die mich früher am Leben hielten durch das Grosse, das darin liegt, die Rätsel zu erfahren; dem Trost der Religion entzogen, weil sie Böses und Falsches lehrt, habe ich nur die leere Schale eines inhaltslosen Ichs vor mir. In meinem Stuhl sitzend, den Sternenhimmel durch das Gitter meiner Fensterluke betrachtend, denke ich an nichts, empfinde nichts, träume nichts. Fange schliesslich an neugierig zu werden, wie meine Stimme klingen wird, wenn ich sie wieder nach dreiwochenlangem Schweigen hören werde. Verlange so nach der Gesellschaft eines Menschen, dass ich die antipathischesten aufsuche könnte, die nur den Mund zu öffnen brauchen, um mich zu verletzen. Erwäge, ob diese Isolierung den Zweck haben soll, mich zu lehren, dass alle Menschen einander nötig haben, obwohl ich weiss, dass schlechte Gesellschaft zu meiden ist und dass manche Menschen eher meiner bedurft hätten, als ich ihrer. Als ich auf die Uhr sehe, ist es nicht weiter als halb zehn, und vor zehn wage ich nicht zu Bett zu gehen, weil die Nacht unruhig wird. Ich, der mein ganzes Leben darauf gewartet habe, dass das Gewünschte kommen werde, warte jetzt darauf, dass eine halbe Stunde verfliessen soll. Lesen kann ich nicht, denn wenn ich ein Buch öffne, glaube ich alles vorher zu wissen. Nichts interessiert mich, nichts erfreut mich, nichts schmerzt mich. Ich habe mehr als tausend Francs in der Tasche, aber sie sind ohne Wert, denn ich wünsche nichts. Früher und immer, wenn mir Geld fehlte, hatte ich vollauf an Wünschen: Bücher, Instrumente, Bezahlung von Schulden; und dieses Verlangen gab dem Leben Interesse, richtete den Willen auf die Zukunft, verankerte ohne zu vertäuen.

Schliesslich wird die Uhr zehn. Nach meiner gewöhnlichen Waschung gehe ich zu Bett und falle bald in Schlaf, müde bis zum Tod von lauter Beschäftigungslosigkeit und Langeweile.

Der folgende Tag ist gleich dem vorhergehenden bis sechs Uhr nachmittags. Da klopft es an meine Tür, und herein tritt der amerikanische Maler, den ich in meinem Buch "Inferno" mit Francis Schlatter identisch gemacht habe. Da wir ganz indifferent ohne Feindschaft oder Freundschaft geschieden sind, ist das Wiedersehen recht herzlich. Der Mann ist etwas verändert, merke ich. Er scheint mir körperlich kleiner zu sein, als ich ihn im Gedächtnis hatte; sein Ausdruck ist ernster, und ich kann ihn nicht dazu bringen, wie früher über die Plackereien des Lebens und über die ausgestandenen Leiden zu lächeln, die man so leicht trägt, wenn sie glücklich vorüber sind. Aber er behandelt mich auch mit einer auffallenden Achtung, die gegen die frühere Kameradschaftlichkeit absticht. Das Wiedersehen für mich wird eine Aufrüttelung, denn teils kann ich mit einem Menschen sprechen, der jedes Wort versteht, das ich sage, teils knüpfe ich an eine Periode meines Lebens an, in der ich mich auf das stärkste entwickelte, intensiv lebte, glaubte und wuchs. Ich fühle mich bald zwei Jahre jünger und bekomme Lust, eine halbe Nacht auf den Trottoiren beim Glas und gutem Gespräch zuzubringen. Als wir überein gekommen sind, in Montmartre zu Mittag zu essen, treten wird die Wanderung an. Der Lärm der Strasse dämpft etwas den Gang des Gespräches, und ich bemerke bei mir eine ungewöhnliche Schwierigkeit zu hören und aufzufassen.

Am Einlauf in die Avenue de l'Opéra ist der Volksstrom so stark, dass wir unaufhörlich von Begegnenden getrennt werden. Da trifft es sich auch, dass ein Mann, der eine Partie Watte trägt, meinen Kameraden so anstösst, dass er ganz weiss wird. Den Kopf voll von Swedenborgs Symbolik, suche ich im Gedächtnis, was das "bedeuten" soll, kann mich aber nur von der Graböffnung auf St. Helena erinnern, dass Napoleon aussah, als ob sein Körper von weissem Flaum umlaufen sei.

Auf der Rue de la Chaussée d'Antin bin ich schon so müde, dass wir beschliessen, eine Droschke zu nehmen. Da es Dinerzeit ist, ist die Strasse äusserst belebt, und als wir einige Minuten gefahren sind, steht der Wagen plötzlich still. Zugleich bekomme ich einen solchen Stoss in den Rücken, dass ich mich erhebe, fühle ein warmes feuchtes Schnaufen über meinem Nacken, und als ich mich umwende, habe ich die drei weissen Pferdeköpfe, einen Omnibus mit einem schreienden Kutscher vor mir. Das verstimmt mich, und ich frage mich, ob das eine Warnung sein soll.

Wir steigen an der Place Pigalle aus und dinieren. Hier finde ich Erinnerungen an meinen ersten Pariser Aufenthalt wieder, der in den siebziger Jahren stattfand; aber sie machen mich wehmütig, denn die Veränderungen sind gross. Mein Hotel an der Rou Douai ist nicht mehr. Der "Chat noir", der damals entstand, ist geschlossen, und Rudolphe Salis ist in diesem Jahr begraben. Das Café de l'Ermitage ist bloss eine Erinnerung, und das "Tambourin" hat Namen und Titel geändert. Die Freunde von damals sind tot, verheiratet, zerstreut, und die Schweden sind nach Montparnasse übergesiedelt. Da merke ich, dass ich alt geworden bin.