Bei den grossen Krisen im Leben, wenn das Dasein selbst bedroht ist, erwirbt die Seele übersinnliche Eigenschaften. Es scheint, als ob die Furcht vor dem Elend die gemarterte Seele treibt, zu entfliehen, um anderswo ein Leben zu suchen, das leichter zu leben ist. Nicht umsonst übt der Selbstmord seine Anziehung auf den Unglücklichen, da er verspricht, die Pforten des Gefängnisses zu öffnen.
Folgendes ist mir passiert vor einigen Jahren.
Ich sass eines Herbstmorgens an meinem Schreibtisch vor dem Fenster, das auf die düstere Strasse einer kleinen Industriestadt Mährens blickte.
Im angrenzenden Zimmer, zu dem die Tür angelehnt war, ruhte meine Frau in kränklichem Zustande, ihr Erstgeborenes erwartend.
Indem ich schrieb, träumte ich mich fort in eine Landschaft, die mehr als tausend Kilometer nördlich lag und die ich wohl kannte.
Während es Herbst war, und hier beinahe Winter, befand ich mich mitten im Sommer unter einer grünen Eiche, von der Sonne beschienen; der kleine Garten, den ich in meiner Jugend selbst bebaut hatte, war dort; die Rosen—ich konnte sie beim Namen nennen—die Syringen, die Jasmine atmeten wahrnehmbar ihre besonderen Düfte aus; ich las Raupen von meinen Kirschbäumen ab, ich beschnitt die Johannisbeerbüsche.... Plötzlich höre ich einen heiseren Schrei, ich finde mich auf dem Fussboden stehen, ein Krampf dreht schraubenförmig mein Rückgrad um, und bewusstlos falle ich auf einen Stuhl nieder, einen unerträglichen Schmerz im Rücken.
Ich erwache zum Bewusstsein und es wird mir klar, dass meine Frau von hinten gekommen war, um mir guten Morgen zu sagen, und ganz leise ihre Hand auf meine Achsel gelegt hatte.
—Wo bin ich?
Das war meine erste Frage, und ich sprach sie aus in der Sprache meiner Heimat, die meine Frau als Ausländerin nicht verstand.
Der Eindruck, den ich von diesem Vorfall bewahrte, war der, dass sich mein Geist ausgedehnt und den Körper verlassen hatte, ohne die Verbindung der unsichtbaren Fäden abzubrechen; ich bedurfte einer gewissen, wenn auch noch so kurzen Zeit, um mich einigermassen zu erinnern, dass ich mich bewusst und unversehrt in dem Zimmer aufhielt, wo ich soeben sass und arbeitete.