DER „FEIGLING“

Einem Bekannten von mir ist etwas passiert, und wenn ich es hiermit verteidige, werde ich es mir mit den sogenannten „Kraftnaturen“ verderben! Er ging nämlich um halb ein Uhr nachts in Oberdöbling, von seiner süßen Geliebten weg, nach Hause. Auf dem Wege sprach ihn ein fremder Herr an und bat um Geld. Herr D. nahm ihn aufs Korn und eruierte, daß er sich mit zwanzig Heller nicht zufrieden geben werde. Infolgedessen spendete er eine Krone. „Geb’n S’ an Zehner her!“ Mein Bekannter öffnete die Brieftasche und überreichte zehn Kronen. „An Zehner, sag i, an Zehner!“ — „Ah, der rechnet noch nach der alten Währung!“ Und wollte zwanzig Kronen spenden. — „Spielen S’ Ihnen nit lang mit mir herum! Und geb’n S’ alles her!“ Darauf gab er die Brieftasche. „Alles, alles, sag i!“ Da gab er die Uhr, den Ring. Der andere ging weg, ohne adieu zu sagen. Mein Bekannter machte keine polizeiliche Anzeige. Er wußte nämlich, daß in seiner Brieftasche sich sein Name mit Adresse befände, und befürchtete die spätere Rache. Einige Tage später sagte eine „Kraftnatur“ zu ihm: „Wundern Sie sich nicht, mein Herr, daß ich Ihren Gruß nicht mehr erwidere! Sie sollen sich in einer der letzten Nächte, in Oberdöbling, nicht ‚fair‘ benommen haben!“ Am selben Abend sagte seine süße Geliebte zu ihm: „Is doch gut, daß er dich nicht g’stochen hat!“