Von der Göttersage der Babylonier sei hier nur gesagt, daß sie unter dem Schutz vieler übernatürlichen Mächte zu stehen glaubten. Von ihren Göttern finden wir ein paar in der Bibel wieder: Bel und Merodach oder Marduk. Ischtar war eine Göttin; die hohen Tore ihres Tempels stehen noch heute. Ihre im Tempel aufgestellten Bildsäulen waren vergoldet und mit Edelsteinen und kostbaren Gewändern geschmückt. Als Sadrak, Mesak und Abed-Nego sich weigerten, „niederzufallen und das goldene Bild anzubeten, das König Nebukadnezar hatte setzen lassen“, wurden sie in den feurigen Ofen geworfen, und als Daniel an seinem heimischen Gottesdienst festhielt, warf man ihn in die Löwengrube. Zu den apokryphen Büchern gehört der Brief, den Jeremias „denen schickte, die vom König der Babylonier in die Gefangenschaft geschleppt werden sollten“, und in dem er auf ganz prächtige Art sie vor den Götzen aus Gold und Holz warnt, die „sich nicht gegen Rost und Würmer schützen können, trotzdem sie in purpurne Kleider gehüllt sind“. — „Sie zünden ihre Lampen an, sogar mehr als für sich selbst, und doch können die Götzen nicht einen einzigen von ihnen sehen. Ihre Gesichter sind geschwärzt vom Rauch in den Tempeln, Fledermäuse, Schwalben und andre Vögel kommen geflogen und setzen sich auf ihre Leiber und Köpfe, ja sogar Katzen kommen und setzen sich auf sie.“ Die Opfer werden den Priestern überwiesen, deren Frauen das Opferfleisch einsalzen. In den Tempeln „sitzen die Priester mit zerrissenen Kleidern und mit geschorenem Haar und Bart und entblößen die Köpfe und heulen und rufen vor ihren Götzen, wie manche beim Leichenschmaus tun.“ Die Götzen können keinen König in einem Land einsetzen, „sie sind wie die Krähen, die zwischen Himmel und Erde fliegen, sie sind wie Vogelscheuchen auf einem Gurkenfeld.“

Im Anhang zum Buche Daniel, der mit den wohlbekannten Worten beginnt: „Es war ein Mann zu Babylon mit Namen Jojakim, der hatte ein Weib, die hieß Susanna“, befindet sich die gelungene Erzählung, wie Daniel die Priester Bels ertappte und ihren Götzen und seinen Tempel verhöhnte. „Es war auch ein großer Drache daselbst, den sie zu Babel anbeteten.“ Wir werden ihm noch begegnen, denn er spielt in der babylonischen Kunst eine Rolle.

Phot.: Koldewey.

Sechzehntes Kapitel.
Die Ruinen Babylons.

Was bisher von dem babylonischen Trümmerfeld auf dem linken, östlichen Euphratufer ausgegraben werden konnte, bildet ein Dreieck, dessen Spitzen nach Norden, Osten und Süden gerichtet sind, und dessen Westseite sich an den Euphrat lehnt. Seine Nordspitze umschließt den Hügel Babil, die Südspitze den Hügel Amran; die Mitte der Westseite am Euphrat bildet der Hügel Kasr. Jenseits, auf dem rechten Euphratufer, ist noch kein Spatenstich geschehen, doch wird sich dort ein ähnliches Geländedreieck voller Ruinen finden, wenn Herodot damit Recht hat, daß Babylon quadratisch angelegt gewesen sei und der Euphrat die Stadt mitten durchschnitten habe.

Dieses gewissermaßen auf der Südspitze stehende Quadrat war von der äußeren Stadtmauer umschlossen, deren Länge die alten Geschichtschreiber Herodot und Ktesias auf 86 bzw. 65 Kilometer angeben; in Wirklichkeit betrug sie nur etwa 18 Kilometer. Die durch Ausgrabungen freigelegte Nordostseite mißt 4,4 Kilometer; die Südostseite jedenfalls ebensoviel. Gleichwohl war Babylon die größte Stadt des antiken Orients, auch Ninive nicht ausgenommen, das zu Herodots Zeiten schon vom Erdboden verschwunden war.

Richtiger sind die Angaben der griechischen Schriftsteller über die sonstige Anlage der Mauer, die eine dreifache Befestigung darstellte: zuerst eine 7 Meter dicke Mauer aus Lehmziegeln; 12 Meter vor und parallel mit ihr eine 7,80 Meter dicke Mauer aus gebrannten Ziegeln, und vor dieser noch eine Grabenmauer von 3,30 Meter Dicke. Vor letzterer lag jedenfalls der Graben mit seiner Kontereskarpe. Die Ziegel der Grabenmauer messen 33 Zentimeter im Quadrat — das übliche Ziegelmaß in Babylonien — und tragen den Stempel Nebukadnezars. Die 12 Meter breite Gasse zwischen den beiden ersten Mauern war, jedenfalls bis zur Krone der Ziegelmauer, mit Erdreich ausgefüllt. Dies ist der Fahrdamm, der auf die klassischen Schriftsteller einen so tiefen Eindruck machte, weil er so breit war, daß ein Viergespann darauf umwenden konnte. Diese Breite der Mauerkrone war militärisch von größtem Vorteil; sie ermöglichte schnellste Truppenbewegung bei Verteidigung der Festung. In Abständen von ungefähr 50 Metern wurden beide Mauern von 330 Türmen überragt. Die Höhe dieses gewaltigen Festungspanzers ist unbekannt, da ja nur seine Fundamente und oft nicht einmal diese erhalten sind; nach Herodot betrug sie 200, nach Strabo nur 50 Ellen.

Nebukadnezar war es, der die Stadt in eine Festung verwandelte. In einer seiner Inschriften spricht er von dieser Mauer, von dem gewaltigen Graben davor und von den aus Zedernholz gefertigten, mit Kupfer überzogenen Türflügeln in den Mauertoren. Später verlor Babylon den Festungscharakter; in der parthischen Zeit benutzte man die Mauer als Grabgewölbe, wie aufgefundene Sarkophage beweisen.