Phot.: Schölvinck.


GRÖSSERES BILD

Von dem mit einer Brustwehr versehenen Dach hat man über die Kronen der größten Palmen hinweg eine großartige Aussicht. Im Süden und Südsüdwesten breitet sich in unmittelbarer Nähe, in Gärten gebettet, das Dorf Kweiresch aus. Im Nordnordosten erhebt sich in einer Entfernung von 2½ Kilometer der Hügel Babil, im Osten ganz nahe der Hügel Kasr, und im Südsüdosten, 1400 Meter entfernt, der Hügel Amran. Zwischen Kasr und Amran, ja, man kann sagen, zwischen Babil und einem Punkt 1 Kilometer südlich von Amran ist das ganze Gelände voller Ruinen, die sich auch 4 Kilometer nach Osten erstrecken, wenn man alles mitrechnet, was innerhalb der alten Stadtmauer liegt. Zwischen dem deutschen Hause und dem Ausgrabungsfeld läuft die breite Landstraße nach Hille.

Auf dem rechten Ufer des Schatt-el-Hille sieht man die kleinen Araberdörfer Anane und Sindschar mit ihren Gärten und vor allem zahllose Palmen, die zu einem einzigen Beet üppigen Grüns verschmelzen. Durch die Mitte zieht der Fluß einen blitzenden, schwachgebogenen Strich, und im Osten breitet sich in der Ferne die große Wüste, die am Tage so glühend heiß ist, daß nur Araber barfuß über ihren Lehm und Sand gehen können.

Wir steigen wieder hinab nach dem Gewölbe, wo die Gendarmen sich aufhalten, und betreten den ersten Hof, wo einige Reitpferde stehen und Diener ihre Arbeit verrichten. Dort liegen Schienen und Schwellen für eine Feldbahn, die unter normalen Verhältnissen die Verbindung zwischen dem Trümmerfeld und der Station herstellt und während der Grabungen Schutt fortschafft.

Ein gewölbter Gang, an den Küche und Dienerzimmer stoßen, führt in den innern Hof. Unter einem vorspringenden Dach linker Hand stehen Hunderte von Kisten aufgetürmt, alle voll von Altertümern, die nach Deutschland geschickt werden sollen. Ringsumher liegen mächtige Fragmente von steinernen Menschengestalten, mit Keilschrift bedeckte Steinplatten, Töpfe, Terrakottalampen, Ziegel und anderes, was noch nicht eingepackt ist.

Den Hof verbindet eine Treppe mit den Arbeitsräumen der Archäologen. Auch hier eine Galerie mit auf Säulen ruhender Decke. An den Seiten stehen Regale und Tische mit kleinen Terrakottafiguren, Öllampen, irdenen Gefäßen, Schalen mit und ohne Ornamentik, Fayencestücke mit Gefäßscherben, kleine Pyramiden, Zylinder und Scheiben aus gebranntem Lehm mit Keilschrift, Knochenwirbel von Menschen und Tieren, quadratische Ziegelsteine mit königlichen Stempeln in verschiedener Form und unzähliges andere. Es ist ein vollständiges Museum, das uns einen Begriff gibt von dem hohen Stand der alten babylonischen Kultur.

Professor Koldewey führt uns dann nach der nächsten Höhe, nach Kasr, wo Nebukadnezars Palast und Tempel standen. Durch einen langsam ansteigenden Hohlweg zwischen Hügeln und Haufen von Schutt, Sand, Staub und Ziegelsteinen gelangen wir bald auf den welligen Gipfel, vorüber an einem gigantischen Basaltlöwen, der von hohem Sockel aus die Verwüstung überblickt. An der Straße der Prozessionen bleiben wir stehen.

Um uns herum die schlafende Stadt, die die Forschung unserer Zeit zu neuem Leben ruft. Von seinen Vorgängern nennt Koldewey: Rich, der im Jahre 1811 eine Reise nach Babylon unternahm, Layard (1850), den Verfasser des Buches „Ninive und Babylon“, Oppert (1852–54) und Rassam (1878–79). So verdienstlich und bahnbrechend die Arbeiten der englischen und französischen Archäologen auch sind, so können sie sich doch an systematischer Genauigkeit und Gründlichkeit nicht mit den deutschen Ausgrabungen messen, die auf Veranlassung der Deutschen Orient-Gesellschaft am 26. März 1899 an der Ostseite von Kasr, nördlich vom Ischtartor, begannen. Koldewey hatte den Platz schon 1887 und 1897 besucht und dabei Stücke emaillierter Ziegelreliefs gesammelt, die der Anlaß zu dem Entschluß wurden, die Hauptstadt des babylonischen Weltreichs auszugraben.