Am 6. März hatte englische Kavallerie Ktesiphon passiert und stand 6 englische Meilen südöstlich vom Nebenfluß Dijala. Offenbar ging der englische Oberbefehlshaber auf nichts Geringeres aus, als auf die Eroberung Bagdads. Schon am 11. März kam auch aus London die lakonische Mitteilung, Bagdad ist gefallen. Ihr folgte eine amtliche Meldung, in der es hieß:
„Unsern Truppen, die den Fluß Dijala entlang mit dem Feinde Fühlung hielten, gelang es trotz Mondscheins in der Nacht zum 8. ds. Mts., überraschend den Dijala zu überschreiten und sich auf dem rechten Ufer dieses Flusses festzusetzen. Nachdem über den Tigris, unterhalb seines Zusammenflusses mit dem Dijala, eine Brücke geschlagen war, setzte eine starke englische Abteilung auf das rechte Ufer hinüber und stieß mit dem Feind ungefähr 9 Kilometer südwestlich von Bagdad zusammen. Die Türken wurden aus ihrer Stellung in eine zweite, 3 Kilometer dahinter gelegene, gedrängt und am 9. auch aus dieser vertrieben. Unsere Truppen lagerten auf dem gewonnenen Gelände. Der Vorstoß wurde am 10. März trotz furchtbaren orkanartigen Sandsturms zu Ende geführt und die Türken bis 5 Kilometer vor Bagdad zurückgeworfen. — Soeben telegraphiert nun der Oberbefehlshaber in Mesopotamien, daß Bagdad am 11. März frühmorgens von den englischen Truppen genommen wurde.“
Ohne Zweifel war die Expedition von General Maude gut vorbereitet; die Engländer wollten den Völkern des Orients zeigen, daß sie den Türken nicht nachständen. Die Londoner Presse schwelgte in ungeheurem Jubel, als könne der Ausgang des Weltkrieges nun nicht länger zweifelhaft sein: „Der Sieg vernichtet den deutschen Traum Berlin-Bagdad und macht Deutschlands hochfliegenden Plänen im Orient ein Ende. Dieses Ereignis hat die größte Seifenblase des Pangermanismus zum Platzen gebracht und eine an den Grenzen des indischen Reiches beständig drohende Gefahr entfernt.“
Weder Deutschland noch die Türkei haben jemals Absichten auf Indien gehabt. Welche Gefahr diesem am ersten droht, darüber könnte General Kuropatkin, der Erbe von Skobelews Invasionsplan, merkwürdige Dinge erzählen. Außerdem wird das Schicksal der Türkei oder auch nur Mesopotamiens nicht in Bagdad entschieden, sondern allein an der Westfront.
Aber die Freude der Engländer ist nur zu verständlich. Der Krieg ruiniert sie, und sie brauchten eine Ermunterung. Bagdad, Dar-es-Salaam, das Heim des Friedens, war bisher die einzige Stadt, die sie während des Weltkrieges erobern konnten, abgesehen von einigen kaum verteidigten afrikanischen Nestern. Die Zukunft wird zeigen, wie lange sie sich in der Residenz Mansurs werden halten können.
Unsere beiden Gendarmen (rechts).
Vierzehntes Kapitel.
Meine Fahrt nach Babylon.
Am 15. Mai wurde ich bei Tagesanbruch geweckt, kleidete mich in aller Eile an und eilte zum Kai hinunter, wo bereits ein Belem auf Herzog Adolf Friedrich, Rittmeister Schölvinck und mich wartete.
Unser Reiseziel war Babylon. Die deutschen Ordonnanzen des Herzogs, sein Kammerdiener und sein Koch, beide Neger aus Togo, dessen Gouverneur der Herzog bei Kriegsausbruch war, sowie mein arabischer „Silberdiener“, wie Schölvinck Sale nannte, waren mit dem Gepäck vorausgefahren. Wir hätten den ganzen Weg im Kerbelawagen zurücklegen können, zogen es aber vor, die Feldbahn nach Risvanije zu benutzen und von dort aus auf dem Euphrat zu fahren.