Ein Belem mit zwei französischen Schwestern.
Im April unternahmen nun die englischen Truppen unaufhörliche Angriffe auf die Stellung bei Fellahije. Lange ohne Erfolg, und ihre Verluste waren groß. Schließlich aber räumten die Türken ihre vordere Stellung, die von der auf beiden Flußufern aufgestellten englischen Artillerie flankiert wurde. Die Engländer bemerkten die Bewegung erst einen Tag später und verschwendeten noch 20000 Geschosse auf die leeren Schützengräben. Dann aber gingen sie zum Sturm über und drangen bis zur hinteren Linie vor, die von der Goltz inzwischen hatte anlegen lassen. Hier wurden sie mit mörderischem Feuer empfangen, und nach großen Verlusten gaben sie auch diesen Vormarsch auf. Der britische Befehlshaber hätte ganz leicht seine Absicht erreichen können, wenn er, statt immer an der Front anzugreifen, am Kanal Schatt-el-Hai entlang, durch den der Tigris einen Teil seines Wassers an den Euphrat abgibt, vorgerückt wäre und die Fellahijestellung umfaßt hätte. Nach Ansicht der Verteidiger beging die englische Armeeleitung unbegreifliche Mißgriffe. Schon damals hätte sie durch einen kühnen Handstreich Bagdad nehmen können. In der Nacht vom 21. zum 22. November hatten die englischen Truppen obendrein den Dijala überschritten, und ihre Vorposten waren nur 12 Kilometer von der Stadt der Kalifen entfernt, die Nureddin Bei mit einer Handvoll Leute besetzt hielt. Mehrere Tage standen die feindlichen Heere einander gegenüber. Die Ausfälle der Besatzung wurden zurückgeschlagen, und die Engländer rückten schon bedrohlich vor. Da warf sich Halil im rechten Augenblick auf sie und schlug sie aufs Haupt. So wurde die Stadt für diesmal gerettet.
Drei vornehme Priester auf dem Kai des englischen Konsulats.
Bagdads Bürger befanden sich in den entscheidenden Tagen in größter Aufregung; jeden Augenblick konnten ja feindliche Truppen einrücken. Die Europäer hatten ihre Wertsachen eingepackt, und Wagen standen bereit, sie nach Aleppo zu schaffen. Mit Halils Erscheinen war die Gefahr gebannt, man atmete wieder auf und blieb.
Bald darauf, Anfang Dezember, wurde General Townshend mit ungefähr anderthalb englischen Divisionen in Kut-el-Amara eingeschlossen. Das lähmte auch die übrigen Unternehmungen der Engländer auf den Kriegsschauplätzen. Verstärkungen wurden tropfenweise zu Entsatzversuchen eingesetzt, die von den Türken sämtlich blutig abgewiesen wurden. Schließlich, am 29. April 1916, mußte Townshend die Waffen strecken. Dabei fielen außer dem Oberbefehlshaber 5 Generale, gegen 500 Regiments- und Kompagnieoffiziere, sowie 13200 Unteroffiziere und Mannschaften, darunter 4500 Engländer, in die Hände der Türken.
Townshend durfte seinen Säbel behalten und wurde sofort nach Bagdad geschafft, wo man ihn, wie alle übrigen Offiziere, mit der größten Achtung und Gastfreundschaft behandelte. Von den englischen Offizieren waren drei vor dem Krieg bedeutende Kaufleute in Bagdad gewesen. Bei Kriegsausbruch hatte man sie als Gefangene nach Aleppo gebracht; ihr Ehrenwort, an Feindseligkeiten gegen die Türkei nicht teilzunehmen, verschaffte ihnen aber die Erlaubnis zur Heimreise. Nun waren sie zum zweitenmal gefangen, und man hielt sie von den übrigen getrennt. Es hieß, wenn sie vor ein Kriegsgericht gestellt würden, sei ihr Schicksal besiegelt.
Am Abend des 7. Mais gaben die in Bagdad sich aufhaltenden deutschen Offiziere im Garten des deutschen Konsulats Halil Pascha und etwa zwanzig türkischen Offizieren ein Fest zu Ehren des Sieges von Kut-el-Amara. In den Gängen brannten Fackeln und Pechpfannen und unter den Palmen zahllose bunte Laternen. Herzog Adolf Friedrich feierte in packender Rede den Sultan und Halil Pascha und gedachte dabei auch des toten Feldmarschalls und seiner hohen Verdienste. In seiner weichen schönen Muttersprache dankte Halil mit kernigen Worten.
Halil Pascha, der nach von der Goltz’ Tode und in seinem Geiste die Operationen gegen Kut-el-Amara leitete und jetzt der Nachfolger des Feldmarschalls als Chef der 6. Armee war, wohnte an der vornehmsten Straße Bagdads in einem einfachen Ziegelhaus, das ein kleiner Hof umgab. Im jugendlichen Alter von dreiunddreißig Jahren hatte er diese hohe Würde errungen und einen Ruhm, der seinen Namen in der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Halil Pascha ist ein großer, schlanker Mann von ebenmäßigem Körperbau, schönen, sympathischen Gesichtszügen und hellem, offenem Blick. Er trägt sich äußerst einfach, die ihn trefflich kleidende türkische Offiziersmütze aus Lammfell mit stolzer Siegesgewißheit keck zurückgeschoben; kein Abzeichen verrät seinen hohen Rang; auf der Straße konnte man ihn für einen gewöhnlichen Leutnant halten.