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GRÖSSERES BILD
Statt sich an die Hitze zu gewöhnen, wird der Europäer, wie mir versichert wurde, mit jedem Jahr dafür empfindlicher. Den ersten Sommer erträgt er leicht; er erinnert sich der abschreckenden Beschreibungen der infernalischen Glut, sieht ihrem Herannahen mit einigem Bangen entgegen und ist erstaunt, daß er dies Fegefeuer so leicht übersteht. Der zweite Sommer macht schon empfindlicher und reizbarer, im dritten wird man schlaff und willenlos, und der vierte ist eine Qual. Dehnt sich der Aufenthalt länger aus, so wird man wohl schließlich Orientale; die Beduinen schützen nur Kopf und Hals durch ein leichtes Tuch vor den brennenden Sonnenstrahlen und können hundert und mehr Kilometer zurücklegen ohne andere Nahrung als eine Handvoll Datteln und etwas Wasser aus dem mitgeführten Lehmkrug. Der Europäer überspringt am besten einen Sommer und zieht sich in seine Heimat, nach dem Libanon oder dem Himalaja zurück.
Türkische Köche im Lazarett des englischen Konsulats.
Die Stunde wirklichen Behagens schlägt erst, wenn man sein Bett auf dem Dache aufsucht. Eilig wirft man die Kleider ab und kriecht vorsichtig unter das Mückennetz, dessen Kanten sorgfältig unter die Matratze gestopft werden. Im Mai bringt aber selbst die Nacht nicht immer Linderung. Man liegt da und krümmt sich wie in einem Dampfbad. Man schläft splitternackt, aber unerreichbar den Mücken und Moskitos, die das Netz umsummen, und sieht die ewigen Sterne zu seinen Häupten blitzen. Eine Weile liegt man wach und lauscht den Stimmen der Nacht. In einem Nachbargrundstück unterhält sich ein Mann mit seiner Frau; vom Tigris her klingen taktfeste Ruderschläge eines späten Bootes, sie kommen näher, gehen vorüber und verstummen in der Ferne. Ab und zu hört man die Flügelschläge eines Nachtvogels oder die melodischen Phantasien einer Nachtigall. Die Schwalben schlafen in ihren Nestern; in den heißesten Stunden des Tages pflegen sich etwa fünfzig in den Zweigen eines großen Maulbeerbaumes auf unserem Hof im Schatten niederzulassen, um am Abend wieder auszufliegen. Wenn sie von der Hitze ermattet ganz still sitzen, sind sie ein wunderhübsches japanisches Gemälde. Jetzt beginnt ein Hund zu bellen, andere erwidern, und plötzlich geht ein Geheul wie eine Woge über die Stadt und weckt ein Echo am andern Ufer. Dann läßt es nach, hört ebenso plötzlich auf, und Stille breitet sich wieder über Bagdad. Keine Turmuhr verkündet hier den Gang der Stunden, die Kirchenglocken fehlen ja. Aus der Ferne tönt nur hin und wieder das schallende Gelächter der Schakale herüber.
Gräber bei Sobeïds Mausoleum.
Zwölftes Kapitel.
Zwei Deutsche: von der Goltz und Moltke.
Am Tag nach meiner Ankunft in Bagdad besuchte ich mit dem Herzog das Grab des Feldmarschalls. Es lag am Tigrisufer in einem runden Vorsprung der Erosionsterrasse, den eine niedrige Brustwehr aus Ziegelsteinen einfaßte, nur wenige Schritt unterhalb des Hauses, von dem aus der alte Krieger die Operationen der 6. Armee geleitet und wo er seine Tage beschlossen hatte.
Der Tote ruhte zwei Meter tief unter der Erde in einem Zinksarg. Kein Kreuz, kein Denkstein, keine Kränze zierten die Stätte; nicht einmal Gras hatte man auf dem Hügel gesät — nichts als grauer Staub der Straße. Der einzige sichtbare Schmuck waren einige englische 15 Zentimeter-Granaten.