Allzu schnell treten die Kalksteinwände wieder zurück, und der Fluß verbreitert sich. Rechts liegt die Poststation Tibni, über ihr auf einem Hügel die Ruine gleichen Namens; der Ort ist ein „Kischla“, eine Garnison mit geringer Besatzung. Auf einer kleinen Insel prangen die Weiden in frischem Frühlingsgrün, und bei dem Dorf Issyf Pascha am linken Ufer stehen wieder Zelte armenischer Flüchtlinge.

So wechseln die Landschaftsbilder unaufhörlich. Der Tag geht zur Neige, und die Berge breiten tiefe Schatten über das Tal. Heute aber denke ich noch nicht an Landung; die „Aleman“, versichert mir ein Araber am Ufer, meine deutschen Reisegefährten, seien weit voraus. Fern in Ostsüdost blitzt ein helles Licht; jedenfalls der Scheinwerfer der deutschen Schiffe, der uns den Weg zeigen soll. Er gibt mir die Möglichkeit, sichere Peilungen zu machen, und von Stunde zu Stunde kommen wir dem Lichtzeichen näher. Es ist ½9 Uhr. Da donnert das Megaphon uns die Warnung vor einer Sandbank entgegen, wir sollten den Kurs direkt auf eine schwimmende Laterne zu halten. Die Ruder knirschen, als die Fähre über den Strom hinübergezwungen wird. Aber es gelingt, und wir landen glücklich unter den deutschen Fahrzeugen, von denen nur zwei noch fehlen. Der Küchenwagen an Bord der „Möve“ brodelt noch und bewirtet mich mit trefflicher Erbsensuppe.

Am andern Morgen waren die Deutschen vor Sonnenaufgang aufgebrochen. Ich wartete noch auf Windstille, als das kleine Avisoboot „Blitz“ mit zwei Artilleristen an Bord heransauste, um Erkundigungen über die Weiterfahrt der Flottille einzuziehen. Es kam von der „Bavaria“, die in einem schmalen Flußarm festgelaufen war, wo der Wind auch meine Fähre im Kreise gedreht hatte. Während die beiden Gäste mit mir frühstückten, kam die „Bavaria“ mit dem noch vermißten Doppelschahtur schon vorübergefahren und verschwand hinter dem nahen Dorf El-Busera. „Blitz“ machte sogleich wieder fertig und jagte ihr nach. Um 9 Uhr stießen auch wir vom Lande ab. Die deutschen Kameraden sah ich aber erst am Abend wieder bei den hellbraunen Lehmhäusern und den fünf weißen Minaretts der kleinen arabischen Stadt Der-es-Sor, die sich in dem üppigen Grün von Weiden und Platanen, Kastanien und Walnußbäumen mit ihren zahlreichen Wasserschöpfwerken und ihrer auf Steinpfeilern ruhenden, verkehrsreichen Holzbrücke überaus schmuck ausnimmt.

Der-es-Sor.

Diesem Ziel der heutigen Tagereise hatte ich mit Spannung entgegengesehen. Denn hier war eine Telegraphenstation. Welche Nachrichten aus der lärmvollen Welt mochten dort vorliegen?

Keine Siegeskunde empfing mich zum Osterfest 1916, wohl aber eine erschütternde Trauerbotschaft: Vor drei Tagen, am 19. April, war Feldmarschall von der Goltz, nach der Rückkehr von einer Inspektionsreise nach Kut-el-Amara, in Bagdad am Flecktyphus gestorben! —

Straße in Der-es-Sor.

Der-es-Sor ist der offizielle türkische Name der Stadt; gewöhnlich sagt man nur Ed-Der, d. h. das Kloster. Sor bezeichnet das Land zwischen Palmyra, Ed-Der, Chabur, Sindschar, Nesibin und Rakka. Nach Sachau beträgt die Einwohnerzahl gegen 5 bis 6000, nach M. von Oppenheim gegen 6 oder 7000 Mohammedaner und 700 Christen. Die Stadt, deren Straßen in besserem Zustand waren als die Bagdads, und das ganze Gebiet zwischen Rakka und Ana wird von einem Mutessarrif, einem Gouverneur, regiert, der unmittelbar dem Ministerium des Innern in Konstantinopel untersteht. In Friedenszeiten lagen in Der-es-Sor ein Bataillon regulärer, auf Mauleseln berittener Infanterie und eine größere Abteilung Saptije zu Pferd; diese Truppen mußten die Anese-Beduinen in der syrischen Wüste und den Schammarstamm in Mesopotamien im Zaume halten. Das hinderte nicht, daß mit diesen ein lebhafter Handel getrieben wurde, und Der-es-Sor ist ein wichtiger Knotenpunkt auf den Karawanenstraßen zwischen Aleppo und Bagdad, Damaskus und Mosul.