„Ehrwürdiger Vater“, sagte sie, „Sie wissen ja, ich war ein Heidenkind; als man mir von Christus erzählte, liebte ich ihn gleich wie meinen großen Bruder, und es fiel nicht schwer, mich zu bekehren. Im Gegenteil, mir war, als sei ich, seit ich lebte, durch einen dunkeln Gang marschiert, immer geradeaus, bis in die Kapelle des Klosters, wo im Weihrauch die goldene Monstranz war und die weißen Schwestern sangen. Aber nun sterbe ich daran. Ich spüre es, ich fürchte sogar, daß es schnell geht. Ich magere schrecklich ab. Ich verzehre mich. Herr von Ferriol hat mir einmal geschrieben, schlimmer als in einem Harem hätten es die Frauen in Paris auch nicht. Er hat vielleicht recht. Und die Frauen wollen es ja nicht anders. Aber ich kann nicht. Ich liebe, ehrwürdiger Vater, ich liebe mit ganzem Herzen, und, nein, ich kann meine Liebe nicht für Sünde halten. Aber das ist es nicht. Ich muß sterben, weil ich den Chevalier nicht heiraten kann . . .“

Der Priester wollte sie unterbrechen, aber Aïssé fuhr schnell fort:

„Ja, er will mich heiraten — ihn trifft keine Schuld. Sie müssen einsehen, daß ich ihn nicht heiraten darf. Er kann keine Sklavin heiraten, und ich bin eine Sklavin, eine böse, eifersüchtige Sklavin, die ihm nie verziehe, wenn er sie einmal nicht mehr liebte, und sich gleich auf der Stelle wegwürfe, um sich an ihm zu rächen. Wie sind sie jetzt schon hinter mir her! Oh, sie haben mich verhöhnt, als ich herkam, und gesagt, man sehe an meinem Gang, daß ich eine Sklavin sei, ich stieße mit dem Fuß ein rohes Ei vor mir her, darum schliche ich so. Dann haben sie alle versucht, meinen Gang nachzuahmen. Ich bin ihnen nicht böse, viele haben mich gestreichelt, — und im übrigen weiß ich sehr wohl, daß ich schöner bin, als sie, und daß sie neidisch sind, je älter sie werden. Und sie werden jeden Tag älter. Nein, ich bin ihnen nicht böse. Wer fände es nicht natürlich, daß sie einen Eindringling wie mich nicht gelten lassen wollen! Und wissen nicht alle, daß Herr von Ferriol mich auf dem Sklavenmarkt wie ein Tier gekauft hat, damit ich ihm nach seiner Rückkehr wie ein Tier diene? Sie hätten nur gewünscht, daß ich nicht auf ihn wartete. Denn sie leiden, wenn sie sehen, daß jemand nicht betrogen wird, und was mich betrifft, so schwanken sie zwischen Abscheu und Zufriedenheit. Sie verabscheuen mich, weil ich tugendhaft scheine, sind es aber zufrieden, weil meine Dummheit, wie sie sagen, mich unschädlich macht. Dem Chevalier geht es nicht besser. Sie haben ihn nicht für sich haben können, jetzt tun sie alles, um ihn aus ihrer Gesellschaft zu vertreiben. Zugleich freuen sie sich, daß er mich liebt. Denn er ist nicht reich, ohne Protektion, und ich — mir gehört nicht einmal das Hemd an meinem Leib. Es ist fürchterlich, arm zu sein. Und daran bin ich schuld, ich allein. Aber ich liebe ihn, doch, ich liebe ihn, liebe ihn, liebe ihn! . . . Was soll ich tun? Für sie bin und bleibe ich die Sklavin des Herrn von Ferriol. Sie wollen es nicht anders. Es darf nicht anders sein.“

Sie warf den Kopf auf den Arm und stöhnte auf. Der Priester im Beichtstuhl hatte die Augen geschlossen und schwieg. Er kannte jede Falte in Aïssés Herzen und wußte, daß sie ohne einen Schatten von Hochmut, gut und geduldig war, und wie still sie selbst Beleidigungen hinnahm. Daran konnte er die Größe ihres Schmerzes ermessen, wie sie, die er immer gefaßt gesehen hatte, nun verzweifelnd vor ihm lag. Es gab nur ein Mittel, ihr zu helfen. Er sagte ihr: Christus kannte keine Sklaven, alle Menschen waren gleich vor ihm.

„Ist das ganz sicher?“ schluchzte Aïssé.

Nichts konnte gewisser sein. War nicht Christus selbst ein Sklave? Waren nicht fast alle seine ersten Anhänger, Apostel und Märtyrer, Sklaven? Arme, verachtete Sklaven? Hatte er nicht selbst gesagt: „Es geht leichter ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel?“ Sie war Christin. Alle Christen waren Brüder und Schwestern. Der König und seine Leibeignen waren Brüder. Wehe dem König, der es vergaß. „Die letzten werden die ersten sein.“ Am jüngsten Gericht werden beim Ruf der Posaunen die mißbrauchten Throne zusammenbrechen und die Unwürdigen unter sich begraben, indeß die Armen und Gerechten an Gottes Seite treten. Sie war keine Sklavin. Sie durfte nicht glauben, daß sie eine Sklavin sei, das war Sünde an Gottes Kreatur . . . Sie liebte vielleicht zu maßlos, mehr, als man Menschen lieben sollte. Er, der Priester, konnte es nicht billigen. Es war einer der schlimmsten Fallstricke.

Aïssé schüttelte heftig den Kopf.

Doch, das durfte sie nicht vergessen. Aber er hoffte, für Menschen wie sie habe Christus das Wort gesprochen: „Ihnen wird verziehen werden, weil sie viel geliebt haben.“

„Da bin ich so sicher,“ sagte Aïssé leise. „Ich habe Christus nie vergessen. Ich kann nur seine unendliche Liebe besser begreifen, seitdem ich liebe, ich fühle ihn näher, ihn leibhaftig, mit seinen blutenden Liebeswunden und seinem grenzenlosen Liebesblick über Himmel und Erde. Wenn ich ihn mir früher vorstellte, war er immer fern . . . Ehrwürdiger Vater, ich weiß erst, daß er lebt, seitdem ich liebe.“

Der Priester antwortete fast ebenso leise: