Peter Altenberg,
und ich muß Ihnen jetzt doch schreiben. Ich dachte: ist es nötig? Ja! Für mich! Ich muß Ihnen schreiben, nicht damit Sie vielleicht in einer Ihrer Sachen dann erwähnen: „Die und die schrieb mir...“ nein, sondern Sie, Sie sind derjenige, zu dem man sprechen, wirklich sprechen kann. Ich schreibe Ihnen nicht so, wie man Schriftstellern schreibt, sondern als einem von den furchtbar Wenigen, die wissen, was das bedeutet, wirklich ein Mensch sein wollen! Ich antworte ganz einfach auf all das, was Sie mir in Ihren Sachen gesagt haben. Denn mir — mir haben Sie das alles gesagt — ja, es ist für alle andern auch, ich weiß — aber eigentlich doch nur für die, die es verstehen. Die fühlen: das gilt dir! Sie sagen einfach das, was man selbst schon hundertmal empfunden hat, vielleicht auch hat aussprechen wollen — und da steht es nun — ganz selbstverständlich, und man weiß, es ist das Richtige, das einzig Wahre, wie es ist — oder sein sollte.
Aber eines: woher — woher haben Sie diese Zuversicht, daß die Menschen, die Welt sich einmal ändern werden? Denn nötig wär’s schon... Sie sind über fünfzig, nicht wahr? Nun, ich bin neunzehn, aber ich bewundere Sie darum. Ja, vielleicht, wenn alle das einmal verstehen würden, was Sie sagen, und immer wieder sagen — aber hört denn jemand zu? Ja, ich höre — aber es müßten ja alle andern es auch! Dann vielleicht — — —! Aber was nutzt es, daß ich — nachdem ich Ihre Sachen gelesen habe, Sie für den Lebenserhalter und Lebensförderer halte, und alle, denen ich es zeigen will, mich dafür auslachen? Herrgott, ich möchte ja allen sagen, daß es toternst gemeint ist, was Sie schreiben — und daß es sehr traurig ist, darüber zu lachen. Und ich möchte nur einen einzigen Menschen finden, mit dem ich über Sie sprechen kann, wie Sie wirklich sind. Ich glaube, ich könnte über Sie sprechen, wie über jemanden, den man lange und gut kennt, so genau sind Sie in dem drin, was Sie schreiben — nämlich das, was wertvoll ist an Ihnen. Sonst sind Sie vielleicht ein Hund!
Deshalb kann ich zu Ihnen so reden, als würden auch Sie mich kennen. Und ich bin gespannt, was Sie mir in Ihrem nächsten Buch zu sagen haben. Denn ich habe jetzt alle Ihre Sachen gelesen — und kann nichts tun als versuchen, das, was Sie darin sagen, was Sie raten, selbst zu erproben. Ich glaube fast, man braucht dazu ein ganzes Leben — — —
Peter Altenberg, ich danke Ihnen. Sie haben mir das gegeben, was ich brauche: den Glauben, daß trotz und trotz allem die Menschen noch so werden können, wie Sie sie sehen. Und Sie sehen sie, freilich aber nach tausend Jahren!
Paula Schweitzer.
LYRIK
Ich habe eine falsche, ja sogar eine ganz falsche Ansicht irgendwo gelesen über das Wesentliche des lyrischen Dichters. Das hat mich gekränkt. Denn erstens kränkt mich jede unrichtige Ansicht, zum Beispiel, wenn man sagt, das Eiweiß sei wertvoller als der Eidotter, oder Reis gebe keine Kraft, obzwar die Japaner damit Port Arthur doch eingenommen haben; und zweitens ist es ganz falsch, den lyrischen Dichter anders zu beurteilen als: ein idealer Gipfel der Subjektivität, wodurch jede seiner Einzelempfindungen sich zugleich erhöht zur Empfindungsweise aller Herzen, also sich zur Objektivität steigert oder sozusagen kristallisiert! Jeder unglücklich Liebende ist ein „Werther“, jede nicht erhörende anständige Frau ist eine „Lotte“. Und Goethe hat seine subjektive unglückliche Liebe zu Frau Lotte Buff so geschildert, daß sie den Ewigkeitswert für alle subjektiv unglücklich Liebenden und alle subjektiv einen nicht erhörenden sogenannten anständigen Frauen erhalten hat, also, item, objektiv geworden ist! Wer mir dagegen widerspricht, ist — — ein Widerspruchsgeist. Und die kann ich nicht ausstehen. Wenn ich die Bergalmen so schildere, daß jeder sagt: „Ja, so ist sie, meiner Six, da gibt’s gar nix!“ dann bin ich ein subjektiv-objektiver Dichter der Bergalm, also a Lyriker.
Wenn meine Träne von allen agnosziert wird als ihre Träne, wenn mein Lächeln von allen agnosziert wird als ihr Lächeln, wenn meine Eifersuchtsqualen zugleich von allen als ihre Eifersuchtsqualen gefühlt, gelitten werden, ich also nur das tönende Herz aller, leider stummen, bin, indem ich es sage, mitteile, hoffentlich aber ohne Reim, so bin ich ein lyrischer Dichter! Der lyrische Dichter unterscheidet sich von dem lyrischen Menschen überhaupt nur dadurch, daß er aussagt, was jener verschweigt! Diskretion in Herzenssachen ist, wie Diskretion in sexuellen und in ökonomischen Sachen, immer nur ein Zeichen, daß irgendwo irgend etwas irgendwie nicht ganz koscher ist und das Licht des Alltages zu meiden hat! Der Dichter hat nichts zu meiden!