Einem Bekannten von mir ist etwas passiert, und wenn ich es hiermit verteidige, werde ich es mir mit den sogenannten „Kraftnaturen“ verderben! Er ging nämlich um halb ein Uhr nachts in Oberdöbling, von seiner süßen Geliebten weg, nach Hause. Auf dem Wege sprach ihn ein fremder Herr an und bat um Geld. Herr D. nahm ihn aufs Korn und eruierte, daß er sich mit zwanzig Heller nicht zufrieden geben werde. Infolgedessen spendete er eine Krone. „Geb’n S’ an Zehner her!“ Mein Bekannter öffnete die Brieftasche und überreichte zehn Kronen. „An Zehner, sag i, an Zehner!“ — „Ah, der rechnet noch nach der alten Währung!“ Und wollte zwanzig Kronen spenden. — „Spielen S’ Ihnen nit lang mit mir herum! Und geb’n S’ alles her!“ Darauf gab er die Brieftasche. „Alles, alles, sag i!“ Da gab er die Uhr, den Ring. Der andere ging weg, ohne adieu zu sagen. Mein Bekannter machte keine polizeiliche Anzeige. Er wußte nämlich, daß in seiner Brieftasche sich sein Name mit Adresse befände, und befürchtete die spätere Rache. Einige Tage später sagte eine „Kraftnatur“ zu ihm: „Wundern Sie sich nicht, mein Herr, daß ich Ihren Gruß nicht mehr erwidere! Sie sollen sich in einer der letzten Nächte, in Oberdöbling, nicht ‚fair‘ benommen haben!“ Am selben Abend sagte seine süße Geliebte zu ihm: „Is doch gut, daß er dich nicht g’stochen hat!“

TABARIN

Im Tabarin kann man manches lernen, wie überhaupt überall, vieles, vielleicht sogar alles. Aber man muß die Lernorgane dazu haben. Sonst lernt man nichts, nirgends, und verlernt sogar. Augen, Ohren muß man haben und deren Verbindung mit Geist und Seele. Voilà tout. Die Französin also ist nicht eitel, das macht sie vor allem dem „Drahrer“ sympathischer. Nie wird sie dich belästigen mit Fragen, wie dir ihre Bluse, ihr Hut, ihr Ring gefallen. Machst du eine günstige Bemerkung darüber, so ist sie glücklich, aber Lob erpressen wie bei uns tut sie nie. Sie hat die Qualitäten ihres guten, freien und dennoch netten Benehmens, denkt nie daran, auf dich zu wirken, sondern wirkt! Ihr ist nie bange um ihre Wirkung, infolgedessen denkt sie nicht daran. Sie ist eine unbewußte Lebenskünstlerin, lebt ihre Persönlichkeit ganz kindlich unverfroren aus, überläßt sich dem Schicksal, hat künstlerisch leichten Sinn, und ihre Niederträchtigkeiten haben noch die Gloriole kindlichen Unwissens! Man zürnt ihr nicht, das ist es! So wenig man einem Vögelchen zürnte, das einen aus der Luft oder von einem Baumast aus bekleckste! Es ist peinlich, aber man zürnt ihm nicht, eher sich selber, daß man gerade dort hat sitzen müssen! Die Wienerin ist eine Erpresserin, betrachtet dich von vornherein als einen Geizkragen, der nicht genug „auslassen“ wird und dem man es daher unerbittlich „herauskitzeln“ muß. Der Champagnerfleck, den du auf das Kleid der Französin machst unabsichtlich, erzeugt bei ihr einen einzigen tragischen flüchtigen Augenblick, während die Wienerin sich verfärbt, gleichsam alt und krank wird und dir es mitteilt, daß das Kleid dreihundert Kronen koste und wie sie dazu käme, kannst net aufpassen, Ochs?!

Die Französin kümmert sich niemals um deine Laune, Gast, um dein seelisches Wohlbefinden. Sie tut, was sie kann, und vor allem, was sie will! Die Wienerin ist ununterbrochen auf der Lauer um deine seelische Laune ihr gegenüber, da sie einerseits weiß, daß ihr momentanes ökonomisches Glück davon abhängt, anderseits es ganz genau fühlt, daß sie mit ihrer stieren Persönlichkeit nichts dazu beitragen kann, deine Laune zu verbessern! Die Französin wirkt mit ihrer Persönlichkeit, die Engländerin mit ihrer Reinheit, die Wienerin mit ihrer Stierheit!

Frauen sind zu werten außerhalb der Weltkonstellationen!

SPLITTER

Gespräch meines Zimmerkellners mit dem Küchenmädchen über meine letzten Aphorismen. Er: „Wenn man nur wüßt, wo der Mensch diese Einfälle alle hernimmt!?“ Sie: „Er hat doch den ganzen lieben Tag nix anderes zu tun!“

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Bekenntnis einer schönen Seele: „Das peinlichste in der Welt ist, wenn man an einem Mann gar nichts auszusetzen hat und sich doch mit ihm tödlich langweilt!“

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