(Leipziger Neueste Nachrichten)
„Semmering 1912“
Der populärste Mensch von Wien hat ein neues Buch herausgegeben, das wieder wie alle früheren Bücher des Dichters angefüllt ist mit jenen zarten, kleinen Skizzen, Anekdoten, Plaudereien, die an vollkommene japanische Lackarbeiten und auf einfachste Umrisse gebrachte japanische Holzschnitte erinnern oder auch an die Kopfkissenhefte jener japanischen Frauen, die um das Jahr 1000 die klassische Literatur der Japaner schufen. Aber auch all seine Ideen über Kultur der Seele, des Körpers, des Gefühls werden wieder in diesem Buche ausgesprochen, doch ein wenig resignierter, in herbstlich stiller Beglückung. Denn Peter Altenberg ist krank und mußte sich im Sanatorium aufhalten. Er entwickelte die Idee eines „Hotelregisseurs“, eines „Hotelführungsidealisten neuester Art, dem das Hotel als solches lieb und betreuenswert erscheint“. Da er sich selbst als Hotelregisseur empfahl, wurde er in ein Hotel auf dem Semmering berufen. Dortselbst verlebte der bislang in Wien (Café Central) Eingekerkerte ein glückseliges Jahr 1912. Und die Skizzen, die in diesem Jahre entstanden, tragen dankbar den Sammeltitel „Semmering 1912“. Nun sind in dem kranken, alternden Peter nochmals alle Erkenntnisse und Gefühle seines Lebens aufgeblüht. Hier droben im Gebirg fand er Frühling, Winter, Wälder, Wiesen, Blumen, schöne Frauen und sehr gepflegte edle Kinder. Also wurde „Semmering 1912“ eine Enzyklopädie von Peter Altenbergs bisherigem Erleben. In diesen sorgsam hingetupften Skizzen sind Romane, hygienische Abhandlungen, Liebeslieder, unendliche Gefühle geborgen. Auch mancherlei Amüsantes, Witziges, Paradoxes, Autobiographisches zieht vorüber. Wir erfahren, wie Peter Altenberg entdeckt wurde, wir staunen, welche Glücksmöglichkeiten die Betrachtung einer Wiese, einer schönen Frau, eines Kindes bietet. Und so ist dies Buch des vierundfünfzigjährigen Dichters ein Spiegelbild des armen, glücklichen Peter Altenberg, ein Bilderbuch der Schönheit, der Gefühle, der Natur, der Witze und aller Menschlichkeit.
(Zeitschrift für Bücherfreunde)
Märchen des Lebens
Das Leben erzählt uns allen, und doch hat keiner von uns die Geschichten gewußt, die dieser eine Peter Altenberg, dieser hochbegnadete Struwelpeter der Dichtung, zu berichten weiß. Im Hinhören, im Aufmerken, in einer neidenswerten Fähigkeit des Staunens liegen Altenbergs ursprünglichste Dichtergaben. Die Welt ist so reich. Jeden Tag sehen wir — ja, wie kann man das alles aufzählen? —, wir sehen Wolken über den Himmel gehen, ein Füllen auf der Weide springen, eine Blume blühen, eine schöne Frau lächeln. Aber wenige von uns haben die Gabe, über das alles nach Gebühr zu staunen. Vielleicht muß man vom Leben etwas zur Seite gestellt sein, um das alles so gierig, so dankbar, so heiß und schmachtend aufzufassen, wie es Peter Altenberg tut. Wir gehen die Straße des Lebens, ungeduldig, präokkupiert von der Sehnsucht nach den großen Sensationen. Wir suchen am Horizont nach den gewaltigen Gebilden der Berge. Peter Altenberg aber bückt sich indes, hebt einen Kiesel von der Straße auf und weist ihn lächelnd, liebevoll, mit einer fast preziösen Geste dar. Und siehe da, der Kiesel ist ein wahres Wunder, und wir müssen tun, als sähen wir ihn zum ersten Male. Liegt es nur an der preziösen, entzückten Geste, mit der er dargereicht und uns endlich einmal eindringlich ins Bewußtsein gerückt wird? Welch eine eminente Gabe der Charakterisierung muß ein Mensch besitzen, wenn seine Schilderungen so frisch, so packend und frech wirken, wie die Bilder einer kleinen spitzbübischen Kamera.
(Münchener Neueste Nachrichten)
Neues Altes
Eben habe ich ein wundervolles Buch gelesen, keines für Philister, die finden nichts darin, keine Geschichten, keine Moral und keine Unmoral. Es sind Perlen und wieder nicht Perlen, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, sondern wie sie aus der Hand einer feinen, innerlich vornehmen Klavierspielerin aus den Tasten oder über die Tasten des Flügels rollen, unsagbar rund, unsagbar matten Glanzes — reine Kunst. Das Buch ist von Peter Altenberg und heißt ‚Neues Altes‘. Was drin steht sind Briefstellen, Tagebuchnotizen, Skizzen, manchmal nur eine Bücherwidmung, selten mehr als eine Seite lang, oft ein paar wenige Zeilen, ein Nichts für den Philister, eine Perlenschnur für den Liebhaber. Amatöre sollen sichs zur Weihnacht schenken und sich dazu anlächeln.
(Nationalzeitung, Basel)