»Um Gottes willen, warte einen Augenblick, Tante Susanne! Du überlegst doch auch gar nicht.«

Er flog in sein Schlafzimmer und kehrte einen Augenblick später, merklich in seiner äußeren Erscheinung verändert, wieder, indem er schnippisch bemerkte: »Bei Gott, sie würde mich diesem Engel in meinem himmelblauen Schlafrock da, mit den feuerroten Aufschlägen, vorgestellt haben. Die Weiber denken doch nie, wenn sie einmal im Eifer sind.«

Er eilte zu dem Pult, blieb stehen und rief halblaut: »Nun, Tante, bin ich fertig,« worauf er sich mit all der einschmeichelnden Eleganz, die ihm zu Gebote stand, lächelnd verbeugte.

»Sogleich! – Fräulein Rosannah Ethelton, darf ich Ihnen meinen liebsten Neffen, Herrn Alonzo Fitz Clarence vorstellen? So! Ihr seid beide artige Kinder, und so will ich euch denn vertrauen und allein beisammen lassen, derweil ich einiges fürs Haus besorge. Setzen Sie sich, Rosannah; setze dich, Alonzo. Adieu; ich werde bald wieder da sein.«

Alonzo hatte sich währenddessen immerzu verbeugt und unsichtbaren jungen Damen unsichtbare Sitze angewiesen, jetzt aber setzte er sich selbst, indem er zu sich sagte: »Na, das nenn' ich Glück! Nun mögen die Winde sausen und der Schnee wehen und die Himmel finster drein blicken! Was ficht's mich an!«

Während die jungen Leute sich nun in die Bekanntschaft hineinplaudern, nehmen wir uns die Freiheit, das Schönere und Holdere der beiden genauer zu betrachten. Sie saß allein, in anmutiger Ungezwungenheit, in einem reich möblierten Gemach, welches offenbar das Empfangszimmer einer feinen und reichen Dame war. Neben einem niederen, bequemen Sessel stand ein zierliches Arbeitstischchen, auf dem sich ein phantastisch gestickter flacher Korb erhob, aus dessen offenem Deckel sich Stickgarn von verschiedenen Farben, Litzen und Bänder hervordrängten und in nachlässiger Fülle herabhingen. Auf einem üppigen Sofa, das mit einem weichen indischen, aus schwarzen und goldenen Fäden gewebten, und von anderen Fäden in gedämpfteren Farben durchschossenen Stoffe überzogen war, lag eine noch unfertige Straminarbeit, einen in reichen Farben prangenden Blumenstrauß darstellend. Die Hauskatze schlief gerade auf diesem Kunstwerk. In einem Bogenfenster stand eine Staffelei mit einem unvollendeten Gemälde, Palette und Pinsel lagen auf einem Stuhle daneben. Bücher, wohin man sah: Robertsons Predigten, Tennyson, Moody und Sankey, Hawthorne, Longfellow, Kochbücher, Gebetbücher, Stickmusterbücher, nicht zu vergessen alle Arten von Büchern über Renaissancemöbel und Majolikas. Auch ein Piano war da mit einem Stoß Musikalien daneben. An den Wänden hing eine Menge Bilder, andere standen auf Kaminsims und Eckbrettern, und wo sich ein Plätzchen dazu fand, waren plastische Figuren, altmodischer Nippsachen-Krimskrams und besonders viel seltenes und kostbares chinesisches Porzellan aufgestellt. Das Bogenfenster ging auf einen Garten, aus dem fremde und einheimische Blumen und blühende Sträucher hervorstrahlten.

Aber das holde junge Mädchen war das reizendste, was dieser Wohnsitz drinnen und draußen dem Auge bieten konnte: zartgeformte Züge von griechischem Schnitte, ihre Gesichtsfarbe der reine Schnee einer Lilie, auf die von einem scharlachfarbenen Gartennachbar ein schwacher Abglanz fällt; große, sanfte blaue Augen, mit langen, geschweiften Wimpern befranst; im Gesicht die Treuherzigkeit eines Kindes und die Sanftmut eines Rehes; der hübsche Kopf mit goldglänzendem Haar verschwenderisch reich gekrönt; eine geschmeidige und doch wohlgerundete Gestalt, die in jeder Haltung und Bewegung von natürlicher Anmut erfüllt war.

Ihr Anzug und Schmuck zeigte jene ausgesuchte Harmonie, die nur von einem feinen natürlichen, durch Kultur vervollkommneten Geschmack kommen kann. Ihr Kleid war von einfachem, magentafarbenen Tüll, der Quere nach geschnitten und gekreuzt von drei Reihen hellblauer Falbeln; der Ueberwurf von dunkelrotbraunem Tarlatan, mit Stickereien von scharlachfarbenem Atlas; kornfarbige Polonaise en panier, mit Perlmutterknöpfen und Silberschnüren besetzt, nach hinten aufgenommen und mit Litzen von lederfarbenem Sammet befestigt; Schöße von lavendelfarbenem Rips, mit Valenzienner Spitzen ausgeputzt; Krawatte von kastanienfarbenem Sammet, mit zarter Rosaseide eingefaßt; Halstuch von einem einfachen dreifaltigen, in der Wolle gefärbten Gewebe von gedämpftem Safrangelb; Korallenarmbänder und Halskette mit Medaillon; Haarschmuck von Vergißmeinnicht und Maiblümchen, die sich zahlreich um eine edle Calla drängten.