Mehrere Zeugen versicherten bei ihrem Eide, sie hätten den Richter Driscoll in öffentlicher Versammlung sagen hören, daß die Brüder ihr verlorenes Dolchmesser schon wiederfinden würden, wenn sie es brauchen wollten, um jemand damit umzubringen. Das war nichts Neues, doch wurde man jetzt inne, auf wie traurige Weise sich die Prophezeiung erfüllt hatte. Es machte großen Eindruck auf alle Gemüter, und über den ganzen Gerichtssaal lagerte sich eine tiefe Stille, als die unheilvollen Worte wiederholt wurden.

Nun erhob sich der Staatsanwalt wieder und sagte, er wisse aus seinem letzten Gespräch mit dem Richter Driscoll, daß der Herr Verteidiger, als Ueberbringer einer Herausforderung seitens des Hauptangeklagten, zu ihm gekommen wäre. Der Richter habe sich jedoch geweigert, einem Menschen, der eines Mordes schuldig sei, auf dem Felde der Ehre Genugthuung zu geben. Anderswo, habe er bedeutsam hinzugefügt, wäre er zum Kampfe bereit. Vermutlich habe man den Angeklagten gewarnt und benachrichtigt, daß er bei der ersten Begegnung darauf gefaßt sein müsse, entweder den Richter selbst zu töten oder sich von ihm über den Haufen schießen zu lassen. Wenn der Herr Verteidiger gegen die Richtigkeit dieser Angaben nichts einzuwenden hätte, würde es nicht erforderlich sein, ihn als Zeuge zu vernehmen. Wilson erwiderte darauf, er wolle die Thatsachen nicht bestreiten.

(»Mit Wilsons Verteidigung sieht es windig aus« – diese und ähnliche Bemerkungen wurden im Saale geflüstert.)

Frau Pratt sagte aus, sie habe keinen Schrei gehört und wisse nicht, wovon sie aufgewacht sei; vielleicht hätte das Geräusch rascher Schritte, die sich der Vorderthür näherten, sie geweckt. Als sie im Nachtkleide in den Gang hinausstürzte, hörte sie Fußtritte auf der Haupttreppe und andere, die ihr folgten, während sie nach dem Wohnzimmer eilte. Dort fand sie die Angeklagten bei ihrem ermordeten Bruder. (Sie brach in Schluchzen aus; im Saal entstand große Bewegung.) Die Personen, die hinter ihr dreinkamen, fügte sie noch hinzu, seien Herr Rogers und Herr Buckstone gewesen.

In dem Kreuzverhör, das Wilson mit ihr vornahm, erwiderte sie, die Zwillinge hätten ihre Unschuld beteuert und versichert, sie seien auf einem Spaziergang begriffen gewesen und in das Haus geeilt, weil sie einen lauten Hilfeschrei gehört hatten, als sie noch eine gute Strecke entfernt waren. Auf Verlangen der Brüder habe sie selbst, sowie die beiden Herren, die Hände und Kleider der Zwillinge besichtigt und keine Blutflecken an ihnen gefunden.

Rogers und Buckstone bestätigten diese Angaben.

Sodann wurde die Auffindung des Dolchmessers durch Zeugen erhärtet. Um festzustellen, daß es genau mit der Beschreibung übereinstimme und dieselbe Waffe sei, für deren Wiedererlangung eine Belohnung ausgesetzt worden, verlas man die betreffende Anzeige. Es folgten nun noch mehrere unbedeutende Einzelheiten, und damit war die Begründung der Anklage geschlossen.

Wilson erklärte, er werde drei Zeuginnen beibringen – die drei Fräulein Clarkson – welche ein paar Minuten, nachdem man das Hilfegeschrei vernommen, einem verschleierten Mädchen begegnet seien, das sich durch das hintere Hofthor aus dem Driscoll’schen Anwesen entfernte. Ihre Aussage, verbunden mit gewissen Indizienbeweisen, die er dem Gerichtshof vorlegen wolle, würde Richter und Geschworene überzeugen, daß noch eine Person an dem Verbrechen beteiligt sei, deren man bis jetzt nicht habhaft geworden, und daß es sich als eine Forderung der Gerechtigkeit gegen seine Klienten empfehlen würde, das Verfahren auszusetzen, bis die fragliche Person zur Stelle sei. In Anbetracht der späten Stunde bitte er das Verhör der drei Zeuginnen bis zum nächsten Morgen vertagen zu dürfen.

Die Menge strömte aus dem Gerichtshause und zerstreute sich in einzelne, aufgeregte Gruppen, welche unter sich die Vorgänge bei der Verhandlung mit dem lebhaftesten Interesse besprachen. Alle schienen einen höchst befriedigenden und genußreichen Tag verlebt zu haben, außer den Angeklagten, ihrem Verteidiger und ihrer alten Freundin. Diese waren ziemlich niedergeschlagen und hatten wenig Hoffnung. Als Tante Patsy den Zwillingen Gute Nacht sagen und Mut zusprechen wollte, mußte sie mitten im Satz abbrechen, weil ihr die Stimme versagte.

Obgleich sich Tom für vollkommen sicher hielt, hatte er sich bei der feierlichen Eröffnung der Gerichtssitzung eines gewissen unbehaglichen Gefühls doch nicht erwehren können, denn er war äußerst schreckhaft von Natur. Sobald es jedoch offenbar wurde, auf wie schwachen Füßen Wilsons Verteidigung stand, fühlte er sich wieder beruhigt, ja, er frohlockte innerlich. Mit einem Anflug spöttischen Bedauerns für den Verteidiger, verließ er den Gerichtssaal. »Die Clarksons sind in der Hintergasse einem unbekannten Frauenzimmer begegnet,« sagte er bei sich, »mehr weiß er nicht vorzubringen. Ich will ihm meinetwegen ein paar Jahrhunderte Zeit lassen, um die Person zu entdecken. Sie selbst ist nicht mehr vorhanden, ihre Kleider sind verbrannt und die Asche in die Winde verstreut, – wahrhaftig, er wird leichte Arbeit haben, sie aufzufinden!« Wieder und wieder pries er seine kluge Erfindungsgabe, durch die er sich gegen jede Entdeckung, ja sogar gegen den geringsten Verdacht vollständig gesichert hatte.