Am Freitag abend lag Richter Driscoll schon um zehn Uhr im Bett und schlief; beim ersten Morgengrauen aber war er wieder auf und ging mit seinem Freunde Pembroke Howard auf den Fischfang. Die beiden hatten ihre Knabenjahre in Virginien verlebt, als dieser Staat noch der wichtigste in der ganzen Union war, und sie sprachen nie anders als mit stolzer Zärtlichkeit vom ›Alten Virginien‹. Jeder, der dorther stammte, wurde in Missouri als ein höheres Wesen angesehen, zumal, wenn er seine Abkunft von einer der ersten Familien jenes berühmten Freistaates nachweisen konnte. Die Howards und Driscolls gehörten zu diesen Bevorzugten, die sich für den Adel des Landes hielten. Sie gehorchten einem ungeschriebenen Gesetz, das so streng festgehalten und befolgt wurde, wie nur irgend ein Artikel der gedruckten Gesetzessammlung. Jeder Nachkomme dieser vornehmsten Gesellschaft der Südstaaten war ein geborener Edelmann und hatte keine höhere Pflicht im Leben, als das große Erbteil der Väter zu bewahren und seine Ehre lauter und unbefleckt zu erhalten. Dem Standesgesetz mußte er unverbrüchlich Folge leisten; wich er auch nur um Haaresbreite davon ab, so war es aus mit ihm und seinem Ansehen bei den Genossen. Verlangte das Gebot der Ehre Dinge, die mit seiner Religion nicht im Einklang standen, so mußte die Religion schweigen. Die Ehre ging allem anderen vor, weder religiöse noch sonstige Pflichten kamen dagegen in Betracht. Jenes Gesetz bestimmte genau, worin die Ehre des Edelmannes bestand und in welchen Punkten sie sich von dem unterschied, was das kirchliche Bekenntnis, das bürgerliche Gesetz sowie Sitte und Brauch aller niedrigeren Erdenbewohner, in deren Adern kein altvirginisches Blut floß, für den Inbegriff der Ehre erklärt.

Wenn allgemein anerkannt wurde, daß Richter Driscoll der vornehmste Bürger von Dawson war, so galt Pembroke Howard als der zweite dem Range nach. Man nannte ihn gewöhnlich den ›großen Anwalt‹ – diesen Titel hatte er sich wohl verdient. Die beiden Freunde standen im gleichen Alter, sie waren angehende Sechziger.

Daß Driscoll ein Freidenker war und Howard ein strenger, eifriger Presbyterianer, that der Wärme ihrer Gefühle für einander keinen Abbruch. Beide Männer sahen ihre Ueberzeugung als ein persönliches Eigentum an, das sie weder fremdem Lob und Tadel, noch irgend welchen Verbesserungsvorschlägen zu unterbreiten wünschten, und kämen diese selbst von seiten ihrer Freunde.

Nachdem sie den Tag über gefischt hatten, fuhren sie in ihrem Boot den Fluß hinunter. Sie unterhielten sich gerade über Volkswirtschaft und andere hohe Dinge, als ihnen von der Stadt her ein Mann im Kahn entgegengerudert kam und sie folgendermaßen anredete:

»Wissen Sie’s schon, Herr Richter, daß einer von den neuen Zwillingen Ihrem Neffen gestern abend einen Fußtritt gegeben hat?«

»Was – hat er ihm gegeben?«

»Ich sag’s ja – einen Fußtritt.«

Der alte Richter erblaßte, seine Augen begannen zu funkeln: einen Moment war er sprachlos vor Zorn, dann stammelte er: »Nun – und was weiter? Erzählen Sie mir alles.«

Das that der Mann. Als er fertig war, schwieg der Richter einen Augenblick; er sah im Geiste, wie Tom mit Schimpf und Schande über die Rampe flog, dann sagte er, als spräche er laut mit sich selber: