In den nächsten Tagen wurde überdies das Gelingen der wichtigen Landspekulation so zweifelhaft, daß Herr Percy sich mit seinem Bruder, dem Richter, an Ort und Stelle begeben mußte, weil ein Erbstreit entstanden war. Die Abwesenheit der beiden Herren dauerte sieben Wochen. Noch vor ihrer Rückkehr hatte Roxy den beabsichtigten Besuch bei Wilson gemacht und sie war nun ganz beruhigt. Wilson nahm die Abdrücke und schrieb die Namen auf, dann setzte er das Datum darunter – es war der erste Oktober.

Nachdem er die Glasplatten sorgfältig verwahrt hatte, fuhr er fort, sich mit Roxy zu unterhalten, der es sehr darauf anzukommen schien, daß er sehen sollte, wie die Kinder im letzten Monat an Fülle und Schönheit zugenommen hatten. Die Kleinen waren ganz sauber und rein gewaschen, und er bewunderte sie höchlich, in der Meinung, Roxy damit ein Vergnügen zu machen; sie aber zitterte und bebte im Innern, weil sie jeden Augenblick fürchtete, er möchte vielleicht – – –

Ihre Angst war jedoch vergebens. Er entdeckte nichts, und sie kehrte frohlockend heim. Von nun an verbannte sie alle Sorge auf immer aus ihrem Gemüt.

Viertes Kapitel.

In ihrem weiteren Verlauf muß auch unsere Geschichte dem Tausch Rechnung tragen, den Roxana vorgenommen hat. Wir können nicht umhin, den wirklichen Erben ›Schamber‹ zu nennen, und dem kleinen Sklaven, der ihm sein Geburtsrecht genommen hat, den Namen Thomas à Becket beizulegen. Doch kürzen wir diesen zum täglichen Gebrauch in ›Tom‹ ab, wie es seine Umgebung that.

Der kleine Tom war ein böses Kind, seit er den falschen Namen trug. Er weinte ohne Ursache, bekam alle Augenblicke einen Anfall von leidenschaftlichem Zorn, kreischte und brüllte aus Leibeskräften und hielt dann plötzlich den Atem an. Wer kennt nicht diese üble Gewohnheit des zahnenden Säuglings, der vor Unbehagen schreit, was seine Lunge vermag, dann in Krämpfe verfällt und sich bei der Anstrengung, wieder Luft zu bekommen, lautlos krümmt und windet. Seine Lippen werden blau und der starre Mund steht offen, während am untern Rand des roten Gaumens ein winziges Zähnchen zum Vorschein kommt. Hat dann die entsetzliche Stille so lange gedauert, bis man überzeugt ist, daß dem Kinde der Atem auf immer vergangen sei, so stürzt die Wärterin herzu und spritzt ihm Wasser ins Gesicht. O Wunder! im Nu füllt sich die Lunge wieder, ein Geschrei, Gekreisch oder Geheul trifft das lauschende Ohr, und je nachdem der Zuhörer gestimmt ist, macht er seinen Gefühlen mit einem derben Fluch oder mit eine ›Gott sei Dank‹ Luft.

Der kleine Tom kratzte jeden, der ihm zu nahe kam, mit den Nägeln oder schlug ihn mit seiner Kinderklapper. Er schrie nach Wasser, bis man es ihm gab, warf dann den Becher samt Inhalt zu Boden und schrie wieder. Jede seiner Launen wurde befriedigt, mochten sie noch so beunruhigend und lästig sein, auch durfte er alles essen, was er verlangte, besonders Dinge, die ihm den Magen verdarben.

Als er alt genug wurde, um auf den Füßen zu stehen, die ersten Worte zu lallen und seine Hände zu gebrauchen, war er eine noch ärgere Plage als je zuvor. Von dem Moment an, da er die Augen aufthat, hatte Roxy keine Ruhe mehr. Er verlangte nach allem und jedem, was er sah. »Hab’n,« schrie er, und das galt als Befehl. Brachte man es ihm, so geriet er in Zorn und wehrte es mit den Händen ab: »Nicht hab’n, nicht hab’n«; nahm man es aber fort, so brüllte er wieder wie besessen: »Hab’n, hab’n, hab’n!« und Roxy mußte in Windeseile herbeispringen, um es ihm zurückzugeben, ehe er noch Zeit hatte, in Krämpfe zu geraten, wie er beabsichtigte.

Sein liebstes Spielzeug war die Feuerzange, weil ihm sein ›Vater‹ verboten hatte, sie anzurühren, damit er nicht Fenster und Möbel zerschlüge. Kaum hatte aber Roxy den Rücken gekehrt, so wackelte er zu der Zange hin. »Mögen,« sagte er und schielte seitwärts, ob Roxy ihn wohl sähe, »hab’n,« schrie er dann, abermals verstohlen um sich blickend. »Mein is,« fuhr er fort und zuletzt: »Nehm’s!« – da hatte er die Beute. Dann ward die schwere Waffe erhoben – ein Krach, ein Gekreisch, und die Katze hinkte eilig auf drei Beinen davon. Roxy kam meist noch gerade zur rechten Zeit, um zu sehen, wie die Lampe oder eine Fensterscheibe in tausend Stücke ging.