„Ich hätte Sie nicht für so ängstlich gehalten, Herr Professor. Der Junge ist etwas zart, und verdorbene Mägen haben wir als Kinder alle oft genug gehabt. Guten Morgen!“
Veraguth wußte sich im Hause entbehrlich und schlenderte nachdenklich feldeinwärts. Die knappe, straffe Art des Sanitätsrates hatte ihn beruhigt, und er wunderte sich jetzt selbst, daß er so erregt und überängstlich gewesen war.
Mit erleichtertem Gefühl schritt er aus und sog die heiße Luft des tiefblauen Spätvormittags ein. Ihm schien, er mache heute schon seinen Abschiedsgang durch diese Wiesen und Obstbaumreihen, und es war ihm leidlich wohl und frei zumute. Als er sich besann, woher dies neue Gefühl einer Entscheidung und Lösung ihm kommen möge, wurde ihm klar, daß das alles eine Folge des Morgengespräches mit Frau Adele sei. Daß er ihr seine Reisepläne mitgeteilt hatte, daß sie ihn zunächst so ruhig angehört und keine Versuche zu irgendeiner Gegenwehr gemacht hatte, daß zwischen seinem Entschluß und der Ausführung nun alle Seitenwege und Ausflüchte abgeschnitten waren und die nächste Zukunft so klar und eindeutig vor ihm lag, das tat ihm wohl, daher kam ihm Beruhigung und neues Selbstgefühl.
Ohne zu wissen, wo er gehe, hatte er jenen Weg eingeschlagen, den er vor einigen Wochen mit seinem Freunde Burkhardt gegangen war. Erst als der Feldweg zu steigen begann, sah er, wo er sei, und erinnerte sich jenes Spazierganges mit Otto. Das Wäldchen da oben, mit der Bank und mit dem geheimnisvoll helldunkeln Durchblick in die klare, bildhaft ferngerückte Landschaft des bläulichen Flußtales, hatte er im Herbst malen wollen, und es war seine Absicht gewesen, Pierre auf die Bank zu setzen und den hellen Knabenkopf weich in das braune, dunkle Waldlicht zu stellen.
Aufmerksam stieg er empor, die Hitze des nahenden Mittags nicht mehr fühlend, und während er spähend den Augenblick erwartete, wo ihm über den Hügelkamm der Waldrand entgegenträte, fiel jener Tag mit Burkhardt ihm wieder ein, er erinnerte sich an ihre Gespräche, ja an einzelne Worte und Fragen des Freundes, an den noch frühsommerlichen Ton der Landschaft, deren Grün seither längst viel tiefer und milder geworden war. Und dabei überraschte ihn ein Gefühl, das er seit langem nicht mehr kannte und dessen unerwartete Wiederkehr ihn heftig an die Jugendzeit erinnerte. Es schien ihm nämlich, seit jenem Waldgange mit Otto sei eine lange, lange Zeit vergangen, und er selbst sei seither gewachsen, anders geworden und vorwärts gekommen, so daß er auf sein damaliges Ich mit einem gewissen ironischen Mitleid zurückblickte.
Überrascht von dieser so ganz jugendlichen Empfindung, die ihm in der Zeit vor zwanzig Jahren alltäglich gewesen war und ihn jetzt wie ein seltener Zauber berührte, übersah er die kurze Zeit dieses Sommers und fand, was er soeben und gestern noch nicht gewußt hatte. Er fand sich, da er sich der Zeit vor zwei, drei Monaten erinnerte, verwandelt und weitergekommen, er fand heute Helligkeit und sichere Ahnung des Weges, wo noch vor kurzem nur Dunkelheit und ratlose Unsicherheit gewesen war. Es war, als sei sein Leben nun wieder ein klarer, entschieden nach der ihm bestimmten Richtung hindrängender Fluß oder Strom, während es vorher so lange Zeit in einem sumpfig stillen See gezögert und unschlüssig sich um sich selber gedreht hatte. Und es wurde ihm klar, daß seine Reise unmöglich hierher zurückführen könne, daß er hier nichts mehr zu tun habe als Abschied zu nehmen, einerlei, ob sein Herz dabei brenne und blute. Sein Leben war wieder in Fluß geraten, und sein Strom ging mit Entschiedenheit nach der Freiheit und Zukunft hin. Er hatte von der Stadt und Gegend, er hatte von Roßhalde und von seiner Frau, ohne darüber klar zu sein, im Innersten sich schon getrennt und losgesagt.
Er blieb tief aufatmend stehen, von der Woge hellsichtiger Ahnung gehoben und durchströmt. Er dachte an Pierre, und ein schneidend heller, wilder Schmerz ging feindlich durch sein ganzes Wesen, als ihm gewiß wurde, daß er diesen Weg zu Ende gehen und sich auch von Pierre trennen müsse.
So stand er lange mit zuckendem Gesicht, und wenn es glühender Schmerz war, was er in sich fühlte, so war es doch Leben und Licht, war es doch Klarheit und Zukunft. Das war es, was Otto Burkhardt von ihm gewollt hatte. Das war die Stunde, auf die der Freund gewartet hatte. Das war der Schnitt in alte, lang geschonte Geschwüre, von dem er gesprochen hatte. Der Schnitt tat weh, er tat bitter weh, aber mit den preisgegebenen Lieblingswünschen starb auch Unrast und Uneinigkeit, Zwiespalt und Lähmung der Seele dahin. Es war Tag um ihn geworden, grausam heller, schöner, lichter Tag.
Ergriffen tat er die letzten Schritte zur Hügelhöhe hinan und setzte sich auf die beschattete Steinbank. Ein tiefes Lebensgefühl durchquoll ihn wie Wiederkehr der Jugend, und in erlöster Dankbarkeit wandte er seine Gedanken zu dem fernen Freunde, ohne den er niemals diesen Weg gefunden hätte, ohne den er für immer in dumpfer kranker Gefangenschaft geblieben und verkommen wäre.
Indessen war es seiner Natur nicht gemäß, lange nachzudenken oder lange in extremen Stimmungen zu verharren. Zugleich mit dem Gefühl der Genesung und des wiedergewonnenen Willens rann ihm ein neues Bewußtsein tätiger Kraft und herrschsüchtiger persönlicher Macht durch alle Sinne.