Auch der Maler stand nun auf, aber schlaff und ohne Frische.

„Also du hast recht, wenn dir daran liegt,“ sagte er müde. „Du hast mich überschätzt, ich bin nimmer so jung und nimmer so leicht zu beleidigen. Ich habe auch nicht so viel Freunde, daß ich damit Verschwendung treiben könnte. Ich habe nur dich. Setz dich her und trinke noch ein Glas Wein, er ist gut. Du kriegst in Indien keinen solchen, und vielleicht findest du dort auch nicht viele Freunde, die sich so viel Dickköpfigkeit von dir gefallen lassen.“

Burkhardt schlug ihm leicht auf die Schulter und sagte beinahe ärgerlich: „Junge, wir wollen doch jetzt nicht sentimental sein – gerade jetzt nicht! Sag mir, was du an mir zu tadeln hast, und dann wollen wir fortfahren.“

„O, ich habe nichts an dir zu tadeln! Du bist ein tadelloser Kerl, Otto, ohne Zweifel. Du siehst mir seit bald zwanzig Jahren zu, wie ich untersinke, du siehst mit Freundschaft und vielleicht mit Bedauern zu, wie ich allmählich im Sumpf verschwinde, und du hast nie etwas gesagt und mich nie dadurch gedemütigt, daß du mir etwa Hilfe anbotest. Du hast zugesehen, wie ich jahrelang jeden Tag Zyankali mit mir herumtrug, und du hast mit edler Befriedigung bemerkt, daß ich es nie geschluckt und es schließlich weggeworfen habe. Und jetzt, wo ich so tief im Dreck sitze, daß ich nimmer heraus kann, jetzt stehst du da und hast zu tadeln und zu mahnen ...“

Er starrte mit geröteten heißen Augen trostlos vor sich hin, und Otto, da er sich ein neues Glas Wein einschenken wollte und nichts mehr in der Flasche fand, bemerkte erst jetzt, daß Veraguth die Flasche in der kurzen Zeit allein geleert hatte.

Der Maler folgte seinem Blick und lachte grell.

„O entschuldige!“ rief er heftig. „Ja, ich bin ein wenig betrunken, du darfst nicht vergessen, mir auch das anzurechnen. Es passiert mir alle paar Monate einmal, daß ich aus Versehen einen kleinen Rausch trinke – – zur Anregung, weißt du ...“

Er legte dem Freunde beide Hände schwer auf die Schultern und sagte mit plötzlich erschlaffter, hoher Stimme klagend: „Sieh, mein Junge, das Zyankali und der Wein und das alles wäre entbehrlich gewesen, wenn jemand mir ein bißchen hätte helfen wollen! Du, warum hast du mich soweit kommen lassen, daß ich jetzt um ein bißchen Nachsicht und Liebe bitten muß wie ein Bettler? Adele hat mich nicht ertragen, Albert ist von mir abgefallen, Pierre wird mich auch einmal verlassen – und du bist daneben gestanden und hast zugesehen. Hast du denn nichts tun können? Hast du mir gar nicht helfen können?“

Des Malers Stimme brach und er sank in den Stuhl zurück. Burkhardt war todesblaß geworden. Es stand ja viel schlimmer, als er gedacht hatte! Daß dieser stolze, harte Mensch durch ein paar Gläser Wein zum wehrlosen Geständnis seines heimlichen Makels und Elends verführt werden konnte!

Er stand neben Veraguth und sprach ihm leise ins Ohr wie einem Kinde, das man trösten muß.